Nach Angriff auf Rabbi

Eine Mentalität des Wegschauens

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Zeichen setzen beim jüdischen Lichterfest: Oberbürgermeister mit Rabbiner Mendel Gurewitz bei der Chanukkafeier Ende 2012.

Offenbach - Der Fall sorgt weiter für großes Aufsehen. Der 39 Jahre alte Offenbacher Rabbiner Mendel Gurewitz war nach seiner Schilderung am Sonntagabend in einer Einkaufspassage im KOMM-Center von einer Gruppe südländisch aussehender Jugendlicher mit Worten und körperlich angegangen worden.

Die sechs bis acht jungen Männer hätten „Jude“ gerufen und ihn später auch geschubst, bestätigte er gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Offenbach, Henryk Fridmann, hörte einen Teil der Attacke am Telefon mit, nachdem Gurewitz ihn angerufen hatte. Er habe über das Telefon auch das Wort „Scheißjude“ gehört. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt die Ermittlungen übernommen. Gurewitz wurde vernommen. Bilder der Überwachungskamera im KOMM-Center müssten noch ausgewertet werden hieß es gestern. Das könne dauern.

Immer mehr Politiker und Verbände, von christlichen Gemeinden bis hin zu den Republikanern, äußern inzwischen ihre Sorge und ihr Entsetzen über die Tat. So verurteilten gestern Vertreter der katholischen Innenstadtgemeinden Offenbachs den Angriff mit einer Solidaritätsadresse. „Gerade in der multikulturellen und multireligiösen Stadt Offenbach müssen wir darauf achten, dass ein friedliches Zusammenleben der Religionen und Weltanschauungen möglich ist und bleibt“, sagte der Leiter des Pfarreienverbundes Offenbach-Innenstadt, Pfarrer Hans Blamm.

„Härtere Strafen als Sozialstunden“

Mahmut Yigit, Stadtverordneter vom „Forum Neues Offenbach“, kann „generell nicht nachvollziehen, warum keine härteren Strafen als Sozialstunden u.ä. in der Regel bei ähnlichen Taten folgen“. Für ihn ist wichtig, „dass Jugendliche in frühen Jahren lernen bzw. so erzogen werden, dass nicht die Herkunft oder die Religion eine Rolle spielen, sondern vor allem wer und wie jemand etwas zur Gesellschaft beiträgt“.

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Die SPD-Bundestagsabgeordnete Uta Zapf (Dreieich) schreibt: „Jugendliche beleidigen einen Mann, der anhand seiner Kleidung als bekennender Jude erkennbar ist - und Sicherheitsleute eines Einkaufszentrums halten es nicht für erforderlich, ihn zu schützen. Ich bin fassungslos, angesichts dieses offen zutage tretenden Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Gerade in Offenbach sind wir stolz auf ein friedliches Miteinander der Religionen. Toleranz und Akzeptanz sind uns wichtige Werte und Bestandteil der Lehre aller drei großen Konfessionen.“ Es sei nicht hinnehmbar, dass Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden. Barbara Cardenas von der Fraktion „Die Linke“ im Landtag stellte fest: „Dieser Angriff ist kein Einzelfall und stellt lediglich ein Ereignis mit antisemitischen Hintergrund in Offenbach dar. Die sozialen Missstände in Offenbach, der Mangel an Aufklärung der muslimischen Jugendlichen und die Mentalität des Wegschauens führen zu derlei Vorkommnissen. Dringend muss in diesem Zusammenhang an eine langfristige Prävention und Aufklärung gefährdeter Jugendlicher in Fragen des Antisemitismus gedacht werden, da sich das Problem sonst auf den nächsten Angriff verlagert.“

Reaktionen aus London

Auch aus London kommen Reaktionen: Die Europäische Rabbinerkonferenz (CER) verurteilte den Angriff ebenfalls. CER-Präsident Rabbi Pinchas Goldschmidt erklärte, es sei nur wenige Wochen her, seit Bundeskanzlerin Angela Merkel jeder Form von Antisemitismus eine klare Absage erteilt habe. Die beklagenswerte Attacke von Offenbach sei ein deutlicher Beleg dafür, dass „ein kultureller Wandel zumindest ebenso wichtig ist wie der politische Wille zum Kampf gegen Fanatismus und Hass“.

psh

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