Angst vor anonymer Struktur

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Einig sind die jungen evangelischen Christen nicht allein am Samstag mit ihrer Forderung: „Vergesst uns nicht und redet mit uns.“

Offenbach - (mk) Während die Erwachsenen kontrovers diskutierten, waren sich die Jugendlichen einig. „Wir haben einen Ort zum Träumen. Helft uns, ihn zu schützen“, forderten sie auf Handzetteln. Sie wurden am Wochenende gesehen und gehört.

Ob sie mit ihrem Anliegen erhört werden, blieb offen. Schließlich geht es nicht allein um einen Ort für die evangelische Jugend, sondern um die Zukunft der evangelischen Kirche in Offenbach.

Mehr als hundert Kirchenvorsteher aus den 15 Gemeinden der evangelischen Kirche hatten sich im Katharina-von-Bora-Haus eingefunden. Die Veranstaltung war Teil eines Prozess, der vorsieht, dass die Gemeinden Kräfte bündeln und in Zukunft verstärkt zusammenarbeiten. Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur führten in den vergangenen 20 Jahren zu einer Halbierung der Anzahl der evangelischen Christen in Offenbach. Ein neuer Blick auf Inhalte, Finanzen und Gebäude ist notwendig.

Ein Impulspapier, vor einem Jahr von Dekanat und Kirchengemeindeverband erarbeitet, sieht ein ganz neues Konzept für Offenbach vor und findet nicht überall breite Zustimmung. Der Vorschlag: Statt der herkömmlichen Aufteilung in Ortsgemeinden könnten im Gebiet der Innenstadt zehn Gemeinden zu einer Innenstadtgemeinde mit zehn Seelsorgebezirken, acht Pfarrstellen und einem Kirchenvorstand zusammengefasst werden. Zusätzlich sollen kirchliche Orte entstehen, die sich auf Jugendarbeit, Diakonie, Altenarbeit und Kirchenmusik spezialisieren.

Die Diskussion darüber, wie viele Gemeinden es schließlich in der Innenstadt geben solle, wurde am Samstag von den Kirchenvorstehern kontrovers geführt. Besonders kritisch wurde die Idee eines einzigen Kirchenvorstandes für die Offenbacher Innenstadt gesehen. Die ehrenamtlichen Vorstände könnten mit dieser Arbeit überfordert sein, so befürchten manche, andere haben Angst vor Zentralisierung und anonymeren Strukturen. Während die Meinung der Kirchenvorsteher über einen gangbaren Weg für die Zukunft geteilt war, demonstrierten vor dem Haus Jugendliche für die Umsetzung ihres kirchlichen Ortes: einer Jugendkirche an der Paul-Gerhardt-Gemeinde. „Ich kann die Jugendlichen gut verstehen“, sagte Dekanin Eva Reiß. „Gerade für jüngere Leute brauchen wir in Offenbach innovative Angebote und können nicht in alten Gemeindestrukturen verharren“, so die Theologin. Auch der Vorsitzende des Kirchengemeindeverbands, Manfred Wirsing, appellierte an die Kirchenvorstände, nach der besten Lösung für alle Kirchenmitglieder zu suchen. „Wir brauchen jetzt eine tragfähige Lösung für die nächsten 10 Jahre und sollten nicht warten, bis die knappen Finanzen uns Änderungen aufzwingen“, so Wirsing.

Das Stimmungsbild am Ende des Tages spiegelte die große Skepsis gegenüber dem Modell einer Gesamtgemeinde für die Innenstadt wider. Etwa 60 Prozent der Anwesenden favorisierten einen Plan, der die Fusion von derzeit zehn auf drei bis fünf Innenstadt-Gemeinden vorsieht. Letztlich ließen sich die Tagungsteilnehmer alle Optionen offen und beauftragten eine Steuerungsgruppe damit, alle denkbaren Modelle für Offenbach durchzurechnen. Wie genau die Zukunft der Evangelischen Kirche in Offenbach aussehen wird, soll bis spätestens 2011 entschieden sein. Dafür gibt’s eine halbe Stelle. Die Vorsitzende der Dekanatssynode, Angela Sluyter sagt: „Ab September moderiert ein Pfarrer den noch offenen Prozess.“

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