Oft Angst vor dem Flurfunk

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Die Stadtwerke-Holding kooperiert zunächst für zwei Jahre mit der Diakonie (von links): Diakonie-Leiterin Barbara-Anne Podborny, Sozialarbeiter Michael Franke, SOH-Geschäftsführer Peter Walther und ESO-Personalchefin Gerlinde Klos.

Offenbach - Verkündet eine Geschäftsführung, eine Abteilung aus dem Unternehmen auszulagern, zittern die Angestellten. Ihre Arbeit wird wohl bald andernorts jemand für wesentlich weniger Lohn erledigen. Von Stefan Mangold

Auch die Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) vergibt etwas nach außen. „Weil wir auf dem Gebiet Amateure sind, die sich nicht wirklich auskennen“, begründet Peter Walther, der Geschäftsführer der SOH, den Schritt. Ängstigen muss sich deshalb aber niemand. Denn im schlimmsten Fall bringt es dem Einzelnen nichts; im besten kann in Zukunft mancher Mitarbeiter, den Probleme drücken, von Sozialarbeiter Michael Franke Rat erhalten, der ihm weiterhilft.

Die SOH und ihre Gesellschaften kooperieren zunächst für zwei Jahre mit dem Diakonischen Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau. In der Praxis sieht das so aus: Wer ein Gespräch über persönliche Probleme wünscht, kontaktiert Michael Franke, der sich wöchentlich vier Stunden im Stadtwerke-Gebäude an der Senefelderstraße 162 aufhält. Will sich der Angestellte jedoch von keinem Kollegen bei der Unterhaltung mit einem Sozialarbeiter beobachtet wissen, ruft er Franke an oder meldet sich per E-Mail, um einen Termin in der Diakonie zu vereinbaren.

Sozialarbeit als Pilotprojekt

Deren Leiterin Barbara-Anne Podborny sieht die Art der betrieblichen Sozialarbeit als Pilotprojekt und hofft, dass weitere Unternehmen folgen: „Viele, die sich in scheinbar ausweglosen Situationen befinden, wissen nicht, wer ihnen helfen kann.“ An den Personalrat der Firma wollen die sich aus Angst vor dem Flurfunk oft auf keinen Fall wenden, schließlich kennt sie jeder.

„Ich unterliege der absoluten Schweigepflicht“, betont Franke, der seit 20 Jahren für die Diakonie arbeitet und dessen Schwerpunkt auf der Schuldnerberatung liegt. Wer ihn konsultiert, bleibt anonym. „Wir geben an die SOH nur die statistischen Daten weiter.“ Die Stadtwerke überweisen der Diakonie für die Dienstleistung monatlich 750 Euro.

Schulden, Ehe- und Erziehungsprobleme können Gründe sein, die Mitarbeiter um den Schlaf bringen. „Worunter die Arbeit leidet“, spricht Peter Walther an, worum es einem Arbeitgeber vor allem geht. „Wer den Kopf nicht frei hat, macht zwangsläufig Fehler.“ Ihm geht es darum, „Leistungsfähigkeit und Betriebsklima in den Gesellschaften zu verbessern“. Die Möglichkeit, sich beraten zu lassen, sieht Walther im Kanon der außergesetzlichen Angebote wie Jobtickets und Betriebssport.

„In Ruhe eine Betreuung organisieren“

Als Beispiel erzählt der Geschäftsführer die Geschichte eines Mannes, der von heute auf morgen an Verlässlichkeit einbüßte. Bis er sich endlich offenbarte und erklärte, Vater eines behinderten Kindes geworden zu sein, um das er sich ständig kümmern müsse. „Wir stellten ihn frei, damit er in Ruhe eine Betreuung organisieren konnte.“

Eine typische Situation, in der Franke als Fachmann helfen kann. Der fängt gerade an, sich den Mitarbeitern der Stadtwerke-Gesellschaften persönlich vorzustellen. Hauptsächlich soll Franke als Vermittler agieren, der Ratsuchende an die entsprechenden Stellen leitet. Womit es nicht immer getan sein kann. „Es gibt Menschen, die sind beratungsfern“, spricht Diakonie-Chefin Podborny aus Erfahrung, „die gehen nirgendwo hin.“ Um die kümmert sich Franke selbst.

ESO-Personalchefin Gerlinde Klos vermutet, „dass manchem schon eine Last von der Seele fällt, wenn er sich einfach mal aussprechen kann“. Kontakt zu Michael Franke: Tel.: 069/82977050, michael.franke@diakonie-of.de

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