Angst ums Lebenswerk

Bauarbeiten am Nachbargebäude setzen Haus an der Bieberer Straße in Offenbach schwer zu

Haus neben der Baustelle an der Bieberer Straße in Offenbach.
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Alt und Neu verträgt sich hier nicht: Seit die Bauarbeiten für ein Wohn- und Geschäftshaus auf dem Nachbargrundstück angefangen haben, weist ihr Altbau an der Bieberer Straße 15 ständig neue Schäden auf. Ein Wohnungsmieter ist schon ausgezogen, der Ladenmieter überlegt es ebenfalls.

Für Passanten, die von der Bieberer Straße zum Wilhelmsplatz wollen, ist sie höchstens ein Ärgernis, die Baustelle an der Hausnummer 13. Doch für die Nachbarn ist sie eine Katastrophe. Seit die Bauarbeiten im Februar begonnen haben, entstehen an ihrem sich unmittelbar daneben befindlichen Haus ständig neue Schäden. Mittlerweile sehen sie ihre Existenz gefährdet.

Offenbach – Seit 82 Jahren befindet sich das 1887 errichtete Gebäude im Besitz der Familie Jobst. „Mein Opa hat es gekauft, ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe nie woanders gelebt“, berichtet Kurt Jobst, der bis 2003 eine Metzgerei in den Ladenräumen im Erdgeschoss betrieb. Und wie es mit alten Häusern so ist, wurde immer mal was ausgebessert. Vor einigen Jahren für 40 000 Euro der Keller, 2016 die Fassade neu gestrichen.

Bewohner der Bieberer Straße verzweifeln an Bauarbeiten

Doch was nun mit dem Haus passiert, lässt die Bewohner verzweifeln: Risse, wohin man schaut, die Lüftungsgitter im Keller sind zusammengedrückt, die Erkerscheibe im Laden gesprungen, Fenster- und Türrahmen sind zum Teil so verzogen, dass Fenster und Türen schleifen oder sich gar nicht mehr öffnen lassen. Die angrenzenden Bauarbeiten versetzen das Haus in Bewegung und verursachen die Schäden, sind sich die Eheleute Jobst, deren Baugutachter und der mittlerweile hinzugeschaltete Anwalt sicher.

Jeden neuen Riss dokumentiert Ingrid Jobst genau, schreibt mit einem Stift das Datum dazu. Vor Beginn der Bauarbeiten sei auf Initiative des Investors ein Gutachten ihres Hauses gemacht worden. „Damals hatten wir noch guten Kontakt, alles verlief reibungslos. Doch das zählt jetzt nicht mehr“, sagt sie traurig. Seit die Schäden angefangen und sie den Bauträger damit konfrontiert haben, sind die Fronten verhärtet. „Er hat gesagt, die Schäden sind alle alt.“ An dieser Einstellung halte er fest.

Bewohnerin in Offenbach: „Bis Februar hatte ich noch ein normales Leben“

Er habe behauptet, die Brandmauer gehöre sowieso zu seinem Grundstück, woraufhin Ingrid Jobst recherchierte. Von alten Bauplänen bis hin zu Fotografien aus dem Stadtarchiv reichen ihre Gegenbeweise. Ganze Ordner füllen mittlerweile Schreiben von Ämtern, Gutachtern und Anwälten. „Bis Februar hatte ich noch ein normales Leben. Seitdem kämpfe ich allein auf weiter Flur und es hilft mir keiner“, beschreibt sie ihre Gefühle. Wegen der Schäden haben im Juli ihre Mieter im zweiten Stock nach mehr als 20 Jahren gekündigt. Auch ihre Tochter, die im dritten Stock wohnt, will ausziehen. „Eines Morgens kam in ihrem Schlafzimmer der Stahl aus der Wand.“

Sonja Stuckmann, Leiterin der städtischen Bauaufsicht, äußert Verständnis für die schwierige Lage, spricht von einer „sehr unglücklichen Situation“, für die das Amt einen außergewöhnlich hohen Aufwand betreibe. „Wir sind kontinuierlich mit diesen Liegenschaften befasst, zeitweise mit einer Personalstärke von bis zu fünf Personen und unter Beauftragung weiterer Fachkompetenz.“ So habe es mehrere Ortstermine gegeben, auch der Baudezernent Paul-Gerhard Weiß werde regelmäßig über den Sachstand informiert.

Stadt Offenbach ist bei Bauarbeiten hilflos

Doch mittlerweile sei man an den Grenzen angelangt: „Unsere Befugnisse erschöpfen sich im öffentlichen Recht“, erklärt Stuckmann. Diesen Rechtsrahmen habe man zum Schutze des Eigentums Bieberer Straße 15 vollständig ausgeschöpft. „Darüber hinaus haben wir keine Handhabe.“ Das Amt habe die Baustelle bereits drei Mal stillgelegt – zum Ärger des Bauträgers, der mit seiner Tätigkeit keine Vorschriften verletzt habe. Beide Seiten hätten ihre berechtigten Forderungen, beide würden sich jeweils benachteiligt fühlen. „Wir schulden beiden Seiten die Wahrung ihrer Rechte. Aber dabei dürfen wir nicht unbotmäßig in die Rechte der Bauherrschaft eingreifen“, betont die Amtsleiterin.

Das vor Baubeginn erstellte Gutachten über den Zustand des Jobstschen Hauses sei nicht ausreichend belastbar. Es obliege nun dem Ehepaar, sich auf zivilrechtlichem Wege Schutz zu suchen. Stuckmann: „Wir sehen ein weiteres Tätigwerden durch uns in der gegebenen Sach- und Rechtslage nicht. Dies haben wir Frau Jobst im jüngsten Gespräch klar erläutert. Es ist nun wirklich wichtig für sie, dies zu erkennen.“

Kurt und Ingrid Jobst sind enttäuscht. „Das Bauamt verschließt die Augen, will die Sache aussitzen, bis sie zivilrechtlich ist.“ Doch sie sind entschlossen, weiterzukämpfen. Notfalls eben vor Gericht. „Das Haus ist unser Lebenswerk. Wir lassen es uns nicht zerstören.“ (Veronika Schade)

Bauarbeiten sorgen oft für Unmut bei Anwohnern. So auch in Dietzenbach im Kreis Offenbach.

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