Angst in der Wohnanlage

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Tatort Cafeteria: Mit roher Gewalt wurde sich dort Zutritt verschafft. Monika D’Andrea und ihre Kollegin Angelika Dallmeier (r.) deuten auf die Spuren.

Offenbach - Es ist Zeit für Unterhaltung. Wenn sich die ersten Tassen des Nachmittagskaffees allmählich leeren, holt Monika D’Andrea eine kleine Drehtrommel aus dem Regal, während ihre Kollegen vom Freiwilligenzentrum Farbstifte und Spielkarten für das wöchentliche Bingo verteilen. Von Dirk Beutel

Der Donnerstag ist für die Bewohner der Seniorenwohnanlage in der Emmastraße/Lämmerspieler Weg eine willkommene Abwechslung – ein bisschen Normalität. . Denn, was sich derzeit in der Wohnanlage abspielt, hat mit Normalität wenig gemein. Seit Juni leiden die Bewohner wieder unter einer Serie von Einbrüchen, Sachbeschädigungen und Diebstählen, die dort verübt werden. Wieder, weil diese Vorfälle bereits im April 2009 ihren Anfang nahmen und die Nerven der Bewohner mittlerweile arg strapazieren.

Sohn einer Bewohnerin im Verdacht

Verwaltet wird die Seniorenanlage von der Gemeinnützigen Baugesellschaft mbH Offenbach (GBO). Deren Bereichsleiter, Ingo Kison, kennt das Problem, das mit dem Einzug einer schwer kranken Frau im Juli 2008 in Verbindung gebracht wird. Einer ihrer beiden Söhne steht in dem Verdacht, zusammen mit Komplizen wiederholt die Anlage heimzusuchen. „Als es 2009 erstmals zu Beschwerden kam, haben wir Abmahnungen und letztlich Hausverbot gegen den Jungen ausgesprochen“, bestätigt Kison. Spätestens als der Betreuer der Mutter, die sich nicht mehr selbst versorgen kann, beim Jugendamt Heimerziehung beantragt hatte, war der Spuk vorerst vorbei.

Allerdings wurde die Wohnanlage 2010 wieder sechsmal zum Tatort von Sachbeschädigungen und Diebstahl. Zuletzt notierte die Polizei vier Straftaten alleine im Juli und das, obwohl die GBO mittlerweile einen privaten Sicherheitsdienst mit der Überwachung des Objektes beauftragt hat, der in der Nacht dort seine Runden dreht. Denn gerade in den späten Abendstunden sollen sich die Jugendlichen Zutritt in den Wohnkomplex verschaffen. Unter den Bewohnern wird gemunkelt, dass der Sohn der kranken Frau hierfür den Generalschlüssel seiner Mutter benutzt.

Meist mit rohger Gewalt

Es wird aber auch von Fällen berichtet, in denen einige der Bewohner den Randalierern die Tür aufdrücken. „Was wollen Sie denn machen, wenn unten einer steht und sagt, er sei vom Roten Kreuz“, sagt eine Bewohnerin. Meist aber wird mit roher Gewalt gearbeitet, wie die ehrenamtlichen Helfer vom Freiwilligenzentrum bestätigen: „Die Tür wurde brutal aufgebrochen, wie die Schränke, die mit Vorhängeschlössern gesichert sind“, sagt Monika D’Andrea. Zuletzt wurde die Geldkassette mit den Cafeteria-Einnahmen geklaut. Mittlerweile nehmen die Helfer alle Wertsachen mit. D’Andrea hat für den Fall eines weiteren Einbruchs ironisch vorgesorgt und in einen der Schränke einen Zettel mit der Notiz „Ätsch – Pech gehabt“ gehängt.

Tatsächlich war die Seniorenwohnanlage erst in der Nacht zum Freitag erneut Schauplatz von Zerstörung, wie ein Hausmeister berichtet: „Sie haben versucht, in das Büro des Gebäudewarts einzubrechen und dabei eine Scheibe eingeschlagen.“ Davon ist nur wenige Stunden später kaum mehr etwas zu sehen. Denn bei all den Sachbeschädigungen ist die GBO bemüht, schnellstmöglich alle Spuren der Zerstörung zu reparieren. Ebenso wurde gestern die Sprechvorrichtung der Klingelanlage instandgesetzt, nachdem sie vermutlich mit einem Feuerzeug abgekokelt wurde.

Partys im Keller

Ein beliebtes Ziel der Jugendlichen seien in letzter Zeit die Kellerräume, wo nicht nur ein Fahrrad, ein Fernsehsessel oder Pelzmäntel gestohlen wurden, sondern, so mutmaßen die Bewohner, Partys gefeiert werden und so mancher Lagerraum als Toilette missbraucht wird. Auch einer der beiden Fahrstühle wird regelmäßig „zum Spaß“ blockiert.

„Die Bewohner haben Angst, vor allem abends einen Fuß nach draußen zu setzen“, sagt Doris Bergmann, deren Mutter dort eine Wohnung besitzt. „Ich gehe abends überhaupt nicht mehr in den Keller“, sagt Annelise Wagner (79). „Schon traurig, dass man vor ein paar Rabauken Angst haben muss, wenn man später nach Hause kommt“, sagt Heinz Keller (72), der seit 2003 in der Anlage haust.

Unsicherheit herrscht nicht nur unter den Bewohnern. Auch einigen der Mitarbeiter des in der Wohnanlage ansässigen Pflegedienstes ist beim ersten morgendlichen und dem letzten Rundgang am Ende eines Tages mulmig zumute, wie Pfleger Ralf Matschke berichtet. In flagranti möchte schließlich niemand der Bande begegnen, obgleich dies der Polizei am meisten helfen würde. Denn, die Ermittler haben zwar jede Menge Anzeigen auf ihrem Tisch, ein Augenzeuge fehlt aber bislang.

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