Eigene Probleme schrumpfen

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Im Kindergarten des Access-Projekts hatte die Offenbacherin mit ihren Schützlingen viel Spaß. Die Bindung war innig – die Kinder nannten sie „Schwester“.

Offenbach - Seit einigen Wochen ist Anna Frühauf wieder in Offenbach. Voll neuer Eindrücke, Erfahrungen, Gefühle. Es ist alles noch präsent – das Lachen der Kinder, ihre strahlenden Augen, die Düfte und Farben Nepals, aber auch Chaos, Dreck und Armut. Von Veronika Schade 

Gereist ist die Offenbacherin schon immer, auch in exotische Länder. Aber diese eine Reise bleibt immer unvergesslich – so, wie es ein gewöhnlicher Urlaub niemals sein könnte. Knapp zwei Monate verbrachte die 18-Jährige in dem Land am „Dach der Welt“. Im Mai und Juni lebte sie bei einer nepalesischen Familie, packte bei Hilfsprojekten für Kinder mit an. Vor einem Jahr macht sie an der Leibnizschule Abitur, entscheidet sich vor dem Studium für einen Auslandsaufenthalt. Durch eine Agentur kommt sie auf die Organisation Access, die sich in Nepal für Kinderrechte einsetzt. Sie überlegt nicht lange, interessiert sie sich doch seit einer Indienreise für Südostasien und hinduistische Kultur.

Das Gefühl, allein in einem fremden Land bei fremden Leuten zu sein, verliert sie schnell. „Ich wurde herzlich aufgenommen“, freut sich die Offenbacherin. Überhaupt werden Menschen aus dem Westen sehr respektvoll behandelt. Sogar ältere Leute stehen im überfüllten Bus auf, um ihr Platz zu machen, und sprechen sie mit einer Anrede an, die nur höchsten Würdenträgern gebührt. „Dabei bin ich doch erst 18“, wundert sie sich noch immer. Untergebracht ist sie bei der Familie des Gründers der Hilfsorganisation Access in der Hauptstadt Kathmandu. „Eine angesehene Familie aus einer hohen Kaste.“ So hat sie das Glück, die meiste Zeit Strom und fließendes Wasser zu haben. Für den Großteil der Bevölkerung undenkbar.

Wie groß die Armut ist, erlebt sie bei ihrer täglichen Freiwilligenarbeit. Mehr als die Hälfte der Menschen sind Analphabeten. Die Landflucht nimmt stetig zu, viele kommen nach Kathmandu in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dort schlagen sie sich als Tagelöhner durch, wohnen in einfachen, meist unfertigen Häusern, ganze Familien in einem Zimmer. Diese sind nicht abschließbar, Privatsphäre ist ein Fremdwort. Unter diesen Bedingungen sind Gewalt und Missbrauch an der Tagesordnung. Vor allem Kinder sind gefährdet. Kindergärten sind genau wie Schulen kostenpflichtig, weshalb die Eltern ihre Kinder meist zuhause lassen, sofern sie sie nicht mit zur Arbeit nehmen können.

An zwei Punkten setzt die Hilfsorganisation Access an. Zum einen bietet sie einen Kindergarten, der für die Familien kostenlos ist. Die Bedingung vor der Aufnahme: Die Eltern besuchen einmal monatlich Versammlungen, bei denen sie unter anderem lernen, warum Trinkwasser zu filtern ist, wieso Kekse keine vollwertige Mahlzeit ersetzen und warum sie ihre Kinder nicht schlagen sollen. „Das sind für sie völlig neue Dinge“, erklärt Anna. „Sie wurden nie damit konfrontiert. Sie können nicht lesen, haben keinen Fernseher – woher sollen sie das wissen?“

Das zweite Access-Projekt ist ein Übergangswohnheim für Kinder, die aus Kinderarbeit gerettet wurden. „Sie ist zwar offiziell verboten, aber leider üblich und öffentlich akzeptiert“, berichtet die Abiturientin. Ökonomische Not treibt viele Eltern dazu, ihre Kinder als Arbeiter in fremde Haushalte abzugeben. Kinder werden gar gezielt entführt, um für umgerechnet rund vier Euro im Monat zu arbeiten – oft unter schlimmen Bedingungen. „Unser Ziel ist, die Kinder in ihre ursprünglichen Familien zurück zu integrieren und ihnen den Schulbesuch zu ermöglichen“, erklärt Anna. Das sei nicht immer einfach, mache viel Aufklärungsarbeit notwendig. „Man muss den Eltern verständlich machen, dass die Kinder ihnen später nützlich sein können, wenn sie Bildung haben und einen richtigen Beruf ergreifen.“

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Vier Tage in der Woche verbringt sie im Kindergarten. Mit älteren Kindern übt sie Englisch und Mathe, mit den jüngeren spielt und tanzt sie. Alle nennen sie „Schwester“. Zweimal wöchentlich arbeitet die Volontärin im Wohnheim. Und sie besucht Familien, spricht mit ihnen, dokumentiert ihre Geschichten für mögliche Paten. Dabei kommt auch Trauriges ans Tageslicht: „Eine Mutter von vier Kindern hatte zwei von den Kindern noch gar keine Namen gegeben. Sie hatte so viele andere Probleme, dass sie sich damit noch gar nicht beschäftigt hat.“

Anna Frühauf hat das Land intensiv „von innen“ kennengelernt, sieht vieles nun differenzierter. „Vor allem habe ich erkannt, wie lächerlich unsere Probleme dagegen sind“, sagt sie. Die Arbeit von Access will die angehende Cambridge-Studentin, die von einer Stelle bei der Unesco träumt, weiter unterstützen und hofft, in Offenbach Nachahmer zu finden. „Das Konzept hat mich überzeugt“, sagt sie. Sie betont, dass der Gründer daran kein Geld verdiene. „Er macht es für ein gutes Karma“, erklärt Anna, die sich viel mit Hinduismus beschäftigt und eine Woche im Schweigekloster verbracht hat. Eines Tages möchte sie wieder nach Nepal. „Ihre“ Familie besuchen.

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