Cha-Cha-Ciao für die Chefin

Annette Löw verkauft Tanzschule Weiss nach 28 Jahren

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An Energie fehlt es Annette Löw nicht. Trotzdem will sie in Zukunft kürzer treten und verkauft die Tanzschule Weiss. Ihre Nachfolgerin Larissa Bertsch wird sie aber weiterhin in der Buchhaltung und im Kursprogramm unterstützen.  

Offenbach - Wie der Löwe ohne „e“. Oder: genau wie Bundestrainer Jogi. Annette Löw hat viele Arten, sich vorzustellen. Bald jedoch nicht mehr als Leiterin der Tanzschule Weiss. Am Samstag ist ihr letzter Abschlussball als Chefin. Zeit, um auf Teenie-Tränen und Winter-Märchen zurück zu blicken. V on Sarah Neder 

Akkurat geföhnter blonder Stufenschnitt, pink-manikürte Nägel, Mädchenfigur. Wenn Annette Löw geht, meint man, eine unsichtbare Schnur zieht ihren Kopf nach oben, so gerade ist ihr Rücken. Typische Tänzerhaltung. Dazu gehört ein immer-sympathisches Gloss-Lächeln. Ein Zeichen der Höflichkeit, findet sie, und diese mache einen guten Tänzer schließlich aus. Annette Löw muss es wissen, denn sie hat 28 Jahre lang die Tanzschule Weiss geleitet. Also Generationen von Jugendlichen bei den ersten Schritten auf dem Parkett begleitet, aus manchen echte Könner gemacht. Nun gibt die 60-Jährige den Chefposten an Larissa Bertsch weiter. „Ich sehe das als Happy-End“, sagt Löw, und betont, dass ihr der Abschied nicht schwer falle. In Larissa, die schon viele Jahre als Lehrerin bei ihr arbeitet, habe sie die perfekte Nachfolgerin gefunden.

Außerdem nimmt sie Abschied auf Raten, will sich noch einige Zeit um die Buchhaltung kümmern und ein paar Kurse geben. „Larissa und ich tauschen praktisch die Rollen, dann bin ich ihre Angestellte und sie der Boss“, erklärt die Noch-Chefin. Löw schlüpft aus ihren Plateau-Turnschuhen in ein paar Ballerinas mit Keilabsatz. Der Unterricht für Fortgeschrittene beginnt in fünf Minuten. Eine handvoll Jugendlicher hat sich schon in dem orange-gestrichenen Saal an der Geleitsstraße eingefunden. Ein junges Pärchen schmust auf dem Ledersofa. Es riecht nach vanilligem Teenie-Deo. Die Tanzschule – immer noch ein Treffpunkt für die erste Liebe.

„Pubertät bleibt Pubertät“, sagt Löw achselzuckend. Seitdem sie die Tanzschule 1988 von Wilhelm Weiss übernommen hat, erlebte sie so manches Liebesdrama mit. Zumindest am Rande, fügt Löw hinzu: „Viele versuchen, das vor uns Tanzlehrern geheim zu halten.“ Sie geht quer durch den Raum zum DJ-Pult, drückt ein paar Knöpfe, feurig Musik kommt aus den Lautsprechern. Durchs Mikrofon sagt Löw: „Erstmal ’ne Runde Cha-Cha-Cha!“ Umgehend formen die Teenager Tanzpaare, tippeln im Rhythmus über den dunklen Holzboden.

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Doch auch in einer so traditionellen Institution kann nicht auf ewig alles beim Alten bleiben. Zwar scheinen sich die Uhrzeiger dort langsamer zu drehen, trotzdem muss eine Tanzschule mit der Zeit gehen. In den vergangenen Jahren hat Löw vor allem Kinderkurse vorangetrieben, hat Hiphop und Breakdance gefördert.

Damit habe sie den Rückgang im klassischen Tanzen ausgleichen können, erzählt Löw hinter dem Tresen der schuleigenen Bar. Ein weiterer Trend: Die Nachwuchskurse besuchen immer mehr Kinder mit Migrationshintergrund. „Ich schätze mal, 90 Prozent haben nicht deutsch klingende Namen“, schildert Löw. Eine Tendenz, die sich bei den Älteren jedoch nicht fortsetzt. „Bei den Jugendlichen ist das auf einmal wie abgeschnitten.“ Noch nie habe ein Mädchen mit Kopftuch den Schülerkurs besucht, bedauert Löw.

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Wichtige Meilensteine der Erinnerung sind vor allem die unzähligen Abschlussbälle, die Annette Löw als Tanzschulleiterin erlebt hat. „Das ist schon Jahre her, da gab’s mal eine Bombendrohung in der Stadthalle“, erzählt sie. Bei eisigen Temperaturen mussten alle Gäste, nur mit ihren schicken Roben bekleidet, vor die Tür, Spürhunde durchsuchten das Gebäude, fanden aber glücklicherweise nichts. „Wir haben unser Programm dann einfach durchgezogen.“ Viel Planung verlangte eine Musical-Show bei einem Winterball vor einiger Zeit. „Das hatte wirklich Musical-Charakter“, erinnert sich die Organisatorin stolz.

Im Moment steckt das komplette Weiss-Team mitten in den Vorbereitungen für das Spektakel am Samstag – Löws letzter Ball als Chefin, bei dem bestimmt der ein oder andere Cha-Cha-Ciao für sie getanzt wird.

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