Der Anonymität noch im Grab entwischen

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Mit rechtlichen Regelungen hat die von Peter R. bei Jutta Rauschkolb im Ordnungsamt hinterlegte „Erklärung im Falle meines Todes“ nichts zu tun. Aber sie schützt vor Anonymität.

Offenbach ‐ Peter R. hat sich an so vieles gewöhnt in seinem Leben. Dass er, kaum auf der Welt, mit seiner Mutter aus dem Osten Deutschlands nach Karlsruhe umziehen musste, das war kein Problem. Von Marcus Reinsch

Als es weiter nach Amerika ging, zu Mutters neuem Mann und in die unstete Existenz einer Soldatenfamilie, da war Peter 13 und „hatte keine Wahl“. 45 Jahre später, als er im Badischen eine Tante beerdigte, blieb er. Vorübergehend. Und nachdem er vier Jahre mit seiner nun auch gestorbenen Lebensgefährtin in deren ukrainischer Heimat gelebt hatte, kam er nach Offenbach. Vermutlich für immer. In den eineinhalb Jahren, die das her ist, haben sie ihn hier dreimal am Herzen operiert, ein viertes Mal folgt wohl bald, aber auch das scheint Gewöhnungssache. Woran sich Peter R., jetzt 67, nicht gewöhnen kann, ist der Gedanke, dass er irgendwann tot in seiner Wohnung gefunden und in einem anonymen Grab bestattet wird, das niemand richtig pflegt.

„Ich bin ja allein, habe keine Verwandten, nichts“, sagt er. Deshalb hat er gestern im Ordnungsamt die „Erklärung im Falle meines Todes“ hinterlegt. Das Amt wird immer angerufen, wenn Menschen sterben, die keine oder keine auffindbaren Angehörigen haben. Die Zahl der Anrufe wächst mit der Zahl vereinsamter Menschen.

Formulare gegen die Anonymität des Lebens

Das hat Amt, katholische und evangelische Kirche bewogen, die „Erklärung im Falle meines Todes“ neu zu beleben. Es gab sie, ähnlich, schon vor zehn Jahren. Doch als Möglichkeit, dem Tod die vom Verfahren einer amtlichen Bestattung nicht leistbare „menschliche Seite“ (Amtsleiter Peter Weigand) zu geben, war sie kaum bekannt. Das wollen die Dekanate mithilfe ihrer Drähte zu sozialen Institutionen ändern. Wer das Formular ausfüllt, gibt Auskunft über Lebensdaten, Konfession, Familiengräber, Wünsche an bezahlbare Bestattungsarten, an die Grabpflege. Der kann der Anonymität des Lebens im Tod entwischen.

Peter R. hat nicht gezögert. Sollte er einsam sterben, werden ein Berater aus der „Teestube“ der Diakonie und ein wie R. dort verkehrender Freund benachrichtigt. Wo er begraben wird, ist R. egal. Aber dass jemand sein Grab „sauber halten“ möge, darum bittet er ausdrücklich.

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