Anreize für ein neues Leben

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Diakonie-Geschäftsführerin Barbara-Anne Podborny und Oliver Althaus, der die individuelle Gestaltung jedes Raums aus eigenen Mitteln finanziert hat.

Offenbach ‐ Das einzige Fenster im engen Raum lässt sich nicht öffnen. Die schmalen Holzbetten haben auch schon bessere Tage erlebt, von den Matratzen ganz zu schweigen. Der braune PVC-Boden ist abgenutzt. Von Veronika Szeherova

Dazu passt der abgestandene Geruch. Das Wohn- und Übernachtungsheim für obdachlose Menschen an der Karlstraße 58 erfüllt gängige Vorurteile. Szenenwechsel: Es riecht nach Renovierung. Ein neuer Boden wird gerade verlegt, der edles Holzparkett überzeugend imitiert. Das Wannenbad erstrahlt in frischem Glanz.

Der Höhepunkt aber sind die Tapeten. Von bunt-verspielt bis elegant-klassisch bekommt jedes Zimmer seine eigene Note. Dieser Tage sind die neuen Bewohner in die Gerberstraße 15 eingezogen: obdachlose Männer. In Trägerschaft des Diakonischen Werks Offenbach-Dreieich-Rodgau war das vierstöckige Gebäude im Hinterhaus an der Karlstraße 25 Jahre lang Zufluchtsort auf Zeit für Menschen ohne festen Wohnsitz. Im Vorderhaus hatte die Diakonie ihre Verwaltungs- und Beratungsräume.

Diakonie-Mitarbeiter räumten ihre alten Büros

Diese Epoche geht nun für Sozialarbeiter und Wohnungslose zu Ende. Die Diakonie-Mitarbeiter räumten ihre alten Büros. Ein Umzug ins Provisorium: zehn angemietete Baucontainer an der Arthur-Zitscher-Straße 13 sind für die nächsten sechs Monate Wirkungsstätte der Diakonie-Leitung und der Sozialberater. Die neuen Büros werden sich danach im Pfarrheim der Schlosskirchengemeinde befinden, sobald die Arbeiten dort abgeschlossen sind. Allgemeine Lebens-, Schwangeren-, Migrations- und Schuldnerberatung sind ab sofort in den Containern anzutreffen. „Glücklich ist damit keiner“, sagt Geschäftsleiterin Barbara-Anne Podborny, „aber es ging leider nicht anders.“ Die Diakonie gibt die Liegenschaft an der Karlstraße freiwillig auf. „Das Gebäude hatten wir angemietet unter der Prämisse, dass es auch mal ordentlich saniert wird“, so Podborny.

Die ehemaligen Räumlichkeiten.

Doch der neue Eigentümer kam dem nicht nach.“ Der bauliche Zustand sei zuletzt nicht mehr tragbar gewesen. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, meint die Leiterin bitter. Der Umzug koste unheimlich viel Geld. Geld, das eigentlich für andere Zwecke bestimmt war. Zum Beispiel für neue Möbel im Obdachlosenheim. Dessen Bewohner hatten ihre paar Sachen sicher schnell gepackt. Sie konnten sich auf den Umzug am vergangenen Montag freuen. Die ersten neuen Zimmer an der Gerberstraße 15 und 19 können sich sehen lassen.

Eigentümer dem guten Zweck sehr zugetan

Bereits seit 15 Jahren hat die Diakonie die Räumlichkeiten gemietet, unterhält dort beispielsweise die Teestube und eine medizinische Ambulanz. „Hier ist das Mietverhältnis grundverschieden zu dem in der Karlstraße“, schwärmt Podborny. Der Eigentümer sei dem guten Zweck sehr zugetan und habe weitere Räume zur Verfügung gestellt. Oliver Althaus machte als Raumausstatter selbst den Entwurf und übernahm auch die Finanzierung. „Technisch gesehen ist das für mich kein viel größerer Aufwand, und das Ergebnis ist ein Gewinn für alle“, sagt er bescheiden. Sven Hofmann setzte die Ideen von Althaus gekonnt um. Podborny strahlt vor Freude, wenn sie die neuen Räume betritt: „Das sieht so toll aus! Ich weiß ja, dass die wohnungslosen Menschen ganz andere Erwartungen und Ansprüche haben als wir ,Bürgerlichen’. Aber wenn sie vielleicht merken, dass sie sich in solch einem Ambiente viel wohler fühlen, sind sie im besten Fall dann sogar bemühter, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Das ist auch das Ziel der Einrichtung, wobei zu unterscheiden ist zwischen dem reinen Kurzübernachten und solchen Männern, die mehrere Monate oder gar Jahre in der Einrichtung verbringen. „Es gibt eine konstante Gruppe von Menschen, die an ihrer Wanderschaft nichts ändern wollen und sich an keinen festen Ort binden“, weiß Podborny. Sie dürfen zwei mal drei Nächte pro Monat im Heim verweilen. Andere wollen länger bleiben. „Die Sozialarbeiter sprechen jeden Fremden an, der zu uns kommt“, erzählt Podborny. Zeigen die Wohnungslosen Interesse, sesshaft zu werden und ihre Lebenssituation zu ändern, wird ein Hilfeplan erstellt. Die Diakonie-Chefin mahnt: „Wenn sich aber rausstellt, dass sie nicht bereit sind, auch etwas dafür zu tun, fliegen sie hier wieder raus. Wir sind kein Auffangbecken.“. So müssen die langfristigen Bewohner lernen, wieder sozial „kompatibel“ zu werden und beispielsweise Termine einzuhalten. Im Idealfall kommen sie nach sechs bis 18 Monaten ins betreute Wohnen. „Die Leine wird nach und nach länger gelassen“, erklärt Podborny.

Nur noch 33 Schlafplätze

Es habe schon viele tolle Beispiele dafür gegeben, dass den ehemals Obdachlosen die Rückkehr ins geregelte soziale Leben und in die Berufstätigkeit gelungen sei, freut sich die Geschäftsführerin. Trotz aller positiven Erwartungen an die neuen Schlafplätze gibt es einen Wermutstropfen: An der Karlstraße gab es insgesamt 51 Betten. Wenn alle neuen Unterkünfte voraussichtlich im März fertig sind, gibt es perspektivisch nur noch 33 Schlafplätze. Also 18 weniger. „Bei unseren Klienten spricht sich das schnell rum. Sie gehen dann an andere Stellen, zum Beispiel nach Hanau und Darmstadt“, sagt Podborny. Außerdem könne man immer noch Notbetten dazustellen. „Auf der Straße bleiben muss niemand“, verspricht sie. Für Sozialamtsleiter Hans-Günter Neidel ist es wichtig, dass die 13 Kurzübernachter-Plätze erhalten bleiben, und so sei es auch von den Planungen her festgelegt. „Die 38 festen Plätze in der Karlstraße waren laut Statistik meistens nur zu 60 bis 70 Prozent belegt“, so Neidel.

Wer helfen möchte: Sparkasse Langen-Seligenstadt, Kontonummer: 39 003 900, BLZ 506 521 24.

Daher müsse, zumindest theoretisch, in Zukunft das reduzierte Angebot ausreichen. Da das Diakonische Werk finanziell aus den letzten Reserven schöpft, hofft sie auf die Spendenbereitschaft der Bevölkerung. Podborny: „Wir müssen in die schönen neuen Räume die furchtbaren, alten Betten stellen. Das macht die ganze Wirkung wieder zunichte. Geld für neue Möbel in dem renovierten Wohnheim wäre für uns alle hier das schönste Geschenk.“

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