Anrempeln ist ganz normal

Offenbach - Gertrud Marx will keine Diskussion über das Tragen von Kopftüchern lostreten. Und doch erregt dieses an sich harmlose Bekleidungsstück immer wieder die Gemüter. Von Simone Weil

So ohrfeigte in der vergangenen Woche ein Deutscher eine Türkin, die diese Kopfbedeckung trug, im Linienbus ohne erkennbaren Grund. Die SPD-Stadtverordnete ist entsetzt: „Das ist der Gipfel dessen, was in Offenbach passiert.“ Nach ihrer Auffassung muss sich Grundsätzliches im Umgang mit Migranten ändern: „Wir müssen begreifen, dass diese Menschen zu uns gehören“, ist sie überzeugt. „Die Mütter sind die Verbindung zu den Kindern, und die Kinder sind Teil unserer Gesellschaft.“

Als Initiatorin des Sprachkurses „Mama lernt Deutsch“ an der Waldschule weiß sie, dass es zum Alltag der Frauen gehört, angerempelt, herumgeschubst und beschimpft zu werden. „Weil es kaum zum Dialog kommt, gibt es Missverständnisse und die Migrantinnen resignieren.“ Deswegen sei es für sie schwer genug, überhaupt in die Schule zu kommen.

Tag für Tag Diskriminierung

Sie haben ein Recht darauf, hier friedlich zu leben“, meint die Vorsitzende des Betreuungsvereins. Und doch erlebten sie Tag für Tag Diskriminierung. Gerade hatten die Frauen, die jahrelang ohne Sprache gelebt haben, langsam angefangen, sich etwas zuzutrauen: Ob es dabei um ein Gespräch mit dem Fußballtrainer des Sohnes geht, ums Kuchen verkaufen beim Schulfest oder um einen Besuch der Gruppe am Ketteler-Krankenhaus - der Deutschkurs zeigte erste Erfolge.

Durch den Übergriff im Bus scheint vieles dieser Arbeit zunichte gemacht, obwohl die Betroffenen eigentlich ermutigt werden sollten. Das Verlassen ihres Wohngebiets fällt den Waldschul-Müttern ohnehin schwer. Wie eingeschüchtert die Gruppe bereits ist, die vorwiegend aus Kopftuchträgerinnen besteht, beschreibt Gertrud Marx: „Als wir beim Kaufhof frühstücken wollten, waren sie zunächst ängstlich und fragten, ob sie das dürfen.“ Weil die bildungsfernen Migrantinnen den Weg zur Volkshochschule nicht auf sich nehmen würden, da die Hemmschwellen zu groß sind und eine Fahrt mit dem Bus einem echten Abenteuer gleichkäme, entstand die Idee, an der Schule der Kinder Deutsch zu lernen.

Im Umgang mit Migrantinnen sehr viel gelernt

Die Frauen ließen einfach nicht locker und so schultert die Kommunalpolitikerin das Projekt seit April 2008, das die ersten vier Monate ehrenamtlich angeboten wurde. Geld gibt es inzwischen von der Stadt. Weil das aber nicht reicht und die Organisatorin das Angebot gerne ausweiten würde, ist sie auf weitere finanzielle Unterstützung angewiesen.

Kontakt: Betreuungsverein Waldschule, 069 8570730

Einmal die Woche pauken Frauen aus acht Nationen vormittags drei Stunden lang deutsche Grammatik und Vokabeln. Anfangs waren es zwölf, inzwischen sind es 35 Frauen und viele Kleinkinder. Zehn Analphabetinnen, die darunter sind, werden separat unterrichtet. „Natürlich ist es ein Ziel, die Teilnehmerinnen irgendwann zur Volkshochschule zu schicken“, sagt Marx.

Sie habe im Umgang mit den Migrantinnen sehr viel gelernt: „Ich habe am Anfang auch gedacht, warum können die Mütter kein Deutsch? Doch inzwischen habe ich kapiert, dass das Angebot, das man macht, passen muss. Deswegen brauchen wir solche Projekte in ganz Offenbach.“

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