Anschuldigungen verhindern Einigung

Bei Behandlung von Patienten experimentiert ?

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Offenbach - Es gibt Vorwürfe, die wiegen so schwer, dass ein Gütetermin vorm Arbeitsgericht zwar der formal korrekte Weg der Aufarbeitung ist, eine solche grundsätzlich um Ausgleich bemühte Verhandlung aber irgendwie als die falsche juristische Bühne erscheint. Von Matthias Dahmer 

So gestern Vormittag vor der fünften Kammer des Arbeitsgerichts Offenbach. Es geht um eine Ende November ausgesprochene fristlose Kündigung. Die Beklagte, eine radiologische Großpraxis, begründet den Rauswurf zunächst mit nichts geringerem als der Anschuldigung, der gefeuerte medizinisch- technische Mitarbeiter habe bei der Behandlung von Patienten ohne deren Wissen mit den dafür erforderlichen Geräten experimentiert.

Alles nur vorgeschoben, kontert Klägeranwalt Dr. Thomas Basten mit einem nicht minder bedeutsamen Vorwurf: Sein Mandant G., 36 Jahre alt, fachlich unstreitig hoch qualifiziert und bei der Beklagten zeitweise in leitender Funktion tätig, habe in der mehr als 20 Beschäftigte zählenden Praxis einen Betriebsrat gründen wollen, was dem Chef gar nicht gepasst habe. Richterin Dr. Ingrid Hopfner ist angesichts der auch strafrechtlich relevanten Behauptungen der streitenden Parteien bemüht, mehr über das seit dem Jahre 2008 bestehende Arbeitsverhältnis zu erfahren.

Der habilitierte und mehrfach promovierte Chef ist vorbereitet: Von anderen Mitarbeitern habe er erfahren, dass G., den er fachlich für außerordentlich gut halte, einen „Ein-Mann-Kreuzzug“ gegen seine Praxis führe. G. sei zudem von seiner direkten Vorgesetzten als unkollegial und als potenziell gefährlich für die Patienten und damit als nicht mehr tragbar geschildert worden.

In seiner leitenden Funktion habe G. akribisch Fehler seiner Mitarbeiter aufgelistet und sie dafür mit Strafen wie Spind-Putzen oder dem Erscheinen auch an Wochenenden bestraft. Der Chef erklärt, er habe in Gesprächen versucht, auf G. einzuwirken. Er regt zugleich an, in einem weiteren Termin Zeugen zu hören, die das von ihm Gesagte bestätigen könnten. Für Klägeranwalt Basten haben die Vorwürfe indes keine Substanz. Er zitiert aus einem im November 2012 erstellten Zwischenzeugnis für G., in dem diesem unter anderem vorbildliches und korrektes Verhalten bescheinigt wird. Die fristlose Kündigung habe G. wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen, sagt Basten.

Sein Mandant ergänzt: Es habe zwei Gespräche mit dem Chef gegeben. Im ersten sei ihm mehr Gehalt angeboten worden, im zweiten sei er wegen der geplanten Betriebsratswahlen zur Rede gestellt und kurz darauf gefeuert worden. Die Richterin regt eine Einigung via Mediation oder in Form einer Abfindung an. Die Beklagte ist zur Abfindung bereit, der Kläger nicht. Der Prozess geht deshalb Anfang März weiter.

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