Anstoßen auf der Durststrecke

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Neujahrsempfang im Foyer des Klinik-Neubaus: Das nutzten hunderte geladene Gäste für einen ersten unverstellten Blick in das Krankenhaus.

Offenbach ‐ Von Neuem umgeben, lässt sich das Alte gleich viel entspannter ertragen: Nur selten zuvor hat man Hans-Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Klinikums Offenbach mit sonst eher nüchternem Habitus, so oft und öffentlich mit den Augen zwinkern sehen wie am Mittwoch. Er hatte glückliche Gründe. Von Marcus Reinsch

Der Neujahrsempfang des kommunalen Krankenhauses ging erstmals im Foyer des äußerlich fertigen und innerlich weit fortgeschrittenen Neubaus am Starkenburgring über die Bühne. Ein Abend mit 500 neugierigen Gästen. Und mit therapeutischen Qualitäten.

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Eindrücke vom Rundgang

Denn die nur noch mit riesigem Aufwand zu beherrschenden Unzulänglichkeiten des gerade mal 20 Meter entfernten Altbaus schienen für einige Stunden so weit weg wie eine andere Welt aus einer anderen Zeit, die bestenfalls noch höfliches Interesse wert ist. Professor Norbert Rilinger, der Ärztliche Direktor, plauderte freimütig über „vier bis fünf Rohrbrüche pro Woche, wobei es beileibe nicht immer nur Wasserrohre sind, die da drüben zu Bruch gehen“. Und Geschäftsführer Schmidt gab seinen Respekt dafür zu Protokoll, „wie cool die Mitarbeiter mittlerweile damit umgehen, wenn plötzlich Wasser aus der Wand kommt“.

128 Millionen Euro hätte die Sanierung des bei seiner Eröffnung vor 36 Jahren als modernste Klinik Deutschlands geltenden Hochhauses gekostet, böse Überraschungen nicht eingerechnet - das Todesurteil. Der Abriss soll schon im Juli beginnen. Der stattdessen von der Kommunalpolitik abgesegnete Neubau wird, weil auch hier Zeit- und Finanzplan in Schieflage gerieten, um 150 Millionen Euro kosten. Eine Investition, die beim Neujahrsempfang niemand in Frage stellte, auch die Pflegedirektorin und Personalchefin Sabine Braun nicht. Der Blick war ausschließlich nach vorne gerichtet.

Eindrücke vom Rundgang

Ein Rundgang durchs neue Krankenhaus

Dort allerdings wartet nicht nur der für Mitte April angepeilte Umzug, der schon fast eine Flucht sein wird. Es wartet auch die Aufgabe der finanziellen Gesundung des Klinikkonzerns. Oder zumindest das Überleben. Dass das noch einiger tiefer, schmerzhafter Schnitte bedarf, wird längst bei jeder Gelegenheit offensiv beworben. In wenigen Wochen wird es zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeber darum gehen, „eine letztmalige Verlängerung des Sanierungstarifvertrags“ zu erreichen. Erstmals war der 2005 ausgehandelt worden; seitdem hat der monatlich einprozentige Lohnverzicht seitens der Belegschaft dem Krankenhaus 24 Millionen Euro erspart.

Weiteres Potenzial sehen Klinikleitung und Stadtkämmerer Michael Beseler in seiner Funktion als Aufsichtsrats-Chef in einer engen Zusammenarbeit, möglicherweise Fusion mit einer ebenfalls gegen die Kosten kämpfende Wiesbadener Klinik. „Wir haben noch eine gewisse Durststrecke vor uns“, prophezeite Beseler. Sicher einer der Gründe, aus dem besonders freudig auf den Neubau angestoßen wurde.

Die Fakten

  • Der neue Zentralbau des Klinikums Offenbach ist so groß wie ein Fußballfeld. Sieben Etagen auf dem Sockel bieten Platz für 13 Pflegestationen mit 139 Ein- bis Zweibettzimmern und 65 sogenannten „2+2-Zimmern“. Letztere verfügen über jeweils zwei Duschbäder und können bei Bedarf in zwei Zweibettzimmer getrennt werden.
  • Die Kammform des Sockels soll für bauliche und organisatorische Flexibilität, Übersicht und kurze Wege sorgen. Im bisherigen Zentralhochhaus dauerten Untersuchungen schon deshalb länger, weil die Mitarbeiter angesichts chronisch defekter Aufzüge oft zum Treppenlaufen gezwungen waren. Mit dem Abriss des Turms wird Platz für einen begrünten Campus sein.
  • Die Eingangshalle erstreckt sich über zwei lichtdurchflutete Etagen. Hier werden die Patienten aufgenommen und auf die Stationen verteilt. Bei der Orientierung helfen soll ein Wegeleitsystem, das die einzelnen Bereiche des Medizinbetriebs mit verschiedenen Farben und Ornamenten unterscheidbar macht. Angeschlossen ans Foyer sind die ebenfalls zweigeschossige Caféteria mit halbrunder Theke, ein christlicher Andachtsraum, ein multikultureller Gebetsraum und, sobald Platz ist, das Sport- und Veranstaltungszentrum „Tommy Hall“.
  • Das Gebäude strahlt rot-orange. Es gibt Fensterflächen, die das Außenlicht an hellen Tagen dimmen und an trüben farbig aufhellen. Alle Fenster sind so geschnitten, dass Patienten auch im Liegen nach draußen blicken können. Die Pflegezimmer für erwachsene Patienten sind in Sand- und Erdtönen gestaltet. Der Fußboden ist sandfarben, die Fenstersitzbänke und Einbauschränke - mit rollbarem Innenleben - sind aus hellem Holz.

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