Anwälte und Pfarrer regeln den Verkehr

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Verkehrshelfer-Schulung erfolgreich abgeschlossen: (von links) Gordana Knezevic, Alexandra Tomas, Brigitte Dietrich, Renate Wolff, Ricarda Laps, Ilka Söhnchen, Manfred Lotz, Susanne Balboa, Monika Pröse, Ute Heidenreich und Ausbilder Eduard Pogadl. Nicht auf dem Bild: Christine Ritter.

Offenbach ‐   Das Jahr 1990 wird Eduard Pogadl vermutlich nie vergessen. Will er auch nicht. Auch zwanzig Jahre nach den tragischen Zwischenfällen, als zwei Schüler binnen weniger Wochen an Offenbacher Fußgängerüberwegen zu Tode kamen, sieht sich der ehemalige Polizist in der Pflicht. Von Jörn Polzin

Das war damals schon so, als Pogadl nach den folgenschweren Unfällen einen Schülerlotsendienst aufbauen wollte. „Der Aufschrei war groß, die Eltern wollten mehr Sicherheit. Es fehlte aber die Bereitschaft, längerfristig etwas dafür zu tun“, erinnert sich der 71-Jährige. Auch an der Beethovenschule. Dort wurde nach nicht einmal einem Jahr der Schülerlotsendienst wieder eingestellt. Viele Jahre tat sich daraufhin nichts. Doch jetzt, da der Neubau der Grundschule bevorsteht, unternehmen der Arbeitskreis „Sicherer Schulweg“ und der Förderverein einen neuerlichen Anlauf. Jeden Morgen – ausgenommen ist freilich die Ferienzeit – hält ein Elternteil von 7.30 bis 8  Uhr an der Kreuzung Richard-Wagner-Straße/ Beethovenstraße die Stellung, führt die Kinder sicher über die Straße. Die Kreuzung haben die Eltern in Absprache mit Pogadl und Gerd Natan, Leiter der Verkehrswacht Offenbach, für den Kellendienst festgelegt. Befürchtung: Der erhöhte Verkehr während der Bauphase erschwert den Sprösslingen den Übergang am Zebrastreifen.

Lotsen müssen Präsenz zeigen

„Der Lastwagen-Betrieb stellt eine Gefahr dar, die nicht zu unterschätzen ist“, sagt Pogadl, der mit Polizeihauptkommissar Manfred Lotz die Ausbildung der neuen Lotsen übernahm. Nach dem theoretischen Teil folgte eine praktische Anweisung unter regulären Bedingungen. „Wichtig ist es, dass die Lotsen Präsenz zeigen und auch in brenzligen Situationen Ruhe ausstrahlen“, sagt der Experte. Für Wortgefechte mit rücksichtslosen Autofahrern bliebe ohnehin keine Zeit. „Bis dahin sind die doch längst abgedüst.“

Bis auf wenige Einzelfälle habe sich der Tempodrang der Fahrer aber gelegt. „Insgesamt wird weniger gerast“, hat Pogadl festgestellt. Was zweifellos nicht nur dem schlechten Gewissen oder neu erlangter Einsicht geschuldet ist. Die gedrosselte Geschwindigkeit hängt nicht zuletzt mit einem großen Erfolg der Schülerlotsen-Initiative zusammen – der Einführung von Tempo 30 an allen Offenbacher Grundschulen. „Und wenn es doch mal einer zu eilig hat, wird er eben geblitzt. Da habe ich noch gute Kontakte zu den Kollegen“, erzählt der frühere Polizist schmunzelnd.

Ausbildung der Helfer immer im Kollektiv

Zehn Verkehrshelfer sind derzeit an der Beethovenschule im Einsatz. Eine von ihnen ist Monika Pröse, die auch bei den Eltern einen Lernprozess ausgemacht hat. „Es wird nicht mehr direkt an der Kreuzung geparkt, sondern die Kinder an sicherer Stelle aus dem Auto gelassen“, berichtet sie. Auch die rasanten Wendemanöver auf der Kreuzung seien weniger geworden.

Alexandra Thomas aus dem Elternbeirat verwaltet den Dienstplan. Hilfe erhält sie dabei von Pogadl, der nach wie vor die Schichten an der Waldschule Tempelsee koordiniert. An jener Grundschule, die Pogadl junior in den 90er Jahren besuchte, wurde auch die Idee der Selbsthilfe geboren.

Waren es zu Beginn noch sechs Verkehrshelfer aus dem privaten Umfeld Eduard Pogadls, hat sich der tatkräftige Kreis mittlerweile auf annähernd 600 Lotsen aus den unterschiedlichsten Berufsfeldern erweitert. Darunter sind Ärzte und Anwälte, Hausmeister und Pfarrer. Neben der Beethovenschule und der Waldschule wird an der Buchhügelschule regelmäßig gelotst. Die Ausbildung der Verkehrshelfer findet immer im Kollektiv statt.

„Seit 1990 ist es nicht mehr zu schweren Unfällen gekommen“, berichtet Pogadl stolz. Der 71-Jährige geht seiner ehrenamtlichen Tätigkeit nach wie vor mit viel Herzblut nach. „Es geht schließlich um unsere Kinder.“ Und falls ein Lotse kurzfristig einmal ausfallen sollte? „Dann schnappe ich mir eben meine Weste und gehe selbst raus.“

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