Klaus, komm ins Warme!

Anwohner kümmern sich um Obdachlosen am Maindamm

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Schläfsäcke und dicke Kleidung wärmen von außen, Tee und Kaffee von innen: Neben dem Obdachlosen Klaus Tomsa hat sich schon eine Sammlung von Thermoskannen und Plastikdosen gebildet. Die Anwohner bringen ihm mehrmals täglich etwas vorbei. Doch sie machen sich Sorgen, wie es weiter geht.

Offenbach - Menschen in Rumpenheim und Biebernsee sorgen sich: Seit knapp einer Woche kampiert ein Obdachloser auf dem frostigen Maindamm. Sie bringen ihm Essen, Kaffee und Tee. Und empören sich über vermutete Ignoranz von Stadt und Polizei. Von den Behörden lässt sich der Mann jedoch nicht helfen. Von Sarah Neder

Alles, was Klaus Tomsa besitzt, passt auf seine Parkbank. Ein Koffer, zwei Schlafsäcke, ein paar Tüten voll Kleidung und ein Radio. In Gesellschaft seiner Habseligkeiten sitzt er seit einer Woche auf dem Maindamm in Rumpenheim und trotzt dem erbarmungslosen Winter. Schweigt in die weiße Landschaft. Stur, wie es nur einer kann, dessen Wille sein wertvollstes Gut ist. Am Donnerstag vergangener Woche macht sich Gerd Burkard wie gewohnt mit Mischlingsrüde Leo auf in Richtung Main, der nur ein paar hundert Meter vor seiner Haustür liegt. Schon von Weitem sieht der Spaziergänger einen leuchtend blauen Schlafsack und den Mann, der sich damit vor der Kälte schützt. Burkard kümmert sich, holt eine Kanne Tee und eine große Tafel Schokolade für den Heimatlosen. Inzwischen versorgt die ganze Nachbarschaft Tomsa mit Getränken und Essen. Auf der Bank hat sich eine Sammlung von Thermosbechern und Plastikboxen gebildet. Die Geschichte vom Mann auf dem frostigen Damm spricht sich bis zur Zeitung rum.

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Ein Treffen bei knackigen minus vier Grad. Mehrere Schichten aus Kleidung lassen Tomsa fülliger wirken, als er ist. Kapuze über Mütze über struppig grauem Haar über wachen, gletscherblauen Augen. 57 ist er, kam vor 19 Jahren aus dem Ruhrgebiet nach Offenbach. Im Pott-Dialekt mit hessischem Einschlag erzählt er, wie er vor zwei Jahren seine Wohnung verloren hat, die Arbeit schon lange davor: „Ich war Bergarbeiter. Bis die Zechen dicht gemacht wurden.“ Später verdient er Geld als Wachmann, heute lebt er von Stütze. Um die Bank auf dem Maindamm pfeift ein frostiger Wind. Aber in eine Notunterkunft will Klaus Tomsa nicht gesteckt werden. „Da gibt’s zu viele Regeln.“ Wenn er die Kälte verlasse, dann nur in eine eigene Wohnung, sagt der Obdachlose. „Das ist kein Zustand, dass der da bei der Kälte sitzt“, empört sich Nachbar Burkard. Er könne sich Erfrierungen holen, von der Hygiene ganz zu schweigen. Polizei und Ordnungsamt sollten handeln, bevor es zu spät sei.

Wissen die Behörden etwa nichts vom winterlichen Damm-Bewohner? Anruf bei der Stadtpolizei: „Ach, der Klaus“, seufzt ein Mitarbeiter ins Telefon. Auch Ordnungsamtsleiter Peter Weigand weiß sofort, von wem die Rede ist: „Das ist unser Dauerobdachloser.“ Seit Jahren streune der schon durch Offenbach. „Mal haben wir ihn am Mathildenplatz gefunden, mal am Mainufer“, schildert der Amtschef. Schon vergangenes Jahr hat die Stadt versucht, den Klaus in den ganz kalten Nächten von der Straße zu bekommen. Doch er weigert sich. „Ich habe alle zwei bis drei Stunden eine Streife hingeschickt, die nach ihm sehen sollte“, erinnert sich Weigand, „bei Anzeichen auf Unterkühlung haben wir ihn ins Krankenhaus gebracht.“

Zuletzt hat ihn die Stadtwache am vergangenen Montag am Maindamm besucht, erzählt Alexander Kratz, Sachbearbeiter für Obdachlosenunterbringung: „Die Temperaturen waren langsam lebensbedrohlich geworden, deshalb wollten wir ihn ins Warme bringen.“ Obwohl es um diese Jahreszeit wegen der großen Nachfrage schwierig ist, hat das Ordnungsamt ein Notquartier für ihn gefunden. Spärlich eingerichtet, fließend kaltes Wasser, eine Kochstelle. Tomsa zeigt zunächst Interesse. „Wir haben die Wohnung sogar schon vorgeheizt“, betont Kratz. Als die Beamten den Obdachlosen aber ins Auto packen wollen, sträubt er sich derart, dass sie ihn auf dem Damm lassen. „Gegen seinen Willen können wir nichts machen“, sagt Kratz.

Klaus Tomsa starrt stumm auf die schneebedeckte Natur, als wäre sie ein Fernsehbild. Wenn es ihn zu sehr friert, steht er auf, geht ein Stück. Bewegung wärmt. Auch als sich das Quecksilber im Thermometer immer weiter abseilt, bleibt er kompromisslos: „Ich brauche meinen Rückzugsort, eine eigene Wohnung.“ Ob er irgendwann eine bekommt, weiß niemand. Bis dahin bleibt die Straße sein Zuhause.

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