Traditionell äußerst lecker

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Mit guter Laune bei der Arbeit: Das Ehepaar Sabine und Walter Klein führt das Lokal Apfelwein Klein bereits in fünfter Generation.

Offenbach - Im Nordend verirrt sich kaum ein zufälliger Passant in ein Restaurant. Wer zu Apfelwein Klein kommt, tut dies gezielt. Seit genau 130 Jahren finden Gäste schon den Weg an die Bettinastraße 16. Von Veronika Szeherova

Die urige Offenbacher Traditionsgaststätte mit Speis und Trank aus Hessen feiert in diesen Tagen das stolze Jubiläum.

Wer das Gasthaus betritt, vollführt fast so etwas wie eine Zeitreise. Der erste Eindruck dürfte auch zu Anfangszeiten nicht grundlegend anders gewesen sein. Rustikale Holzeinrichtung, dickbauchige Bembel auf den Tischen, auf den Tellern Bewährtes aus heimischen Landen. Und wie eh und je wird der Gast von einem Mitglied der Familie Klein empfangen. In fünfter Generation ist die Wirtschaft familiengeführt. Auf demselben Grundstück wie heute schenkte der Heusenstammer Gastwirt Franz Joseph Grundel 1882 das erste Stöffche aus. Der Name Klein stand zum ersten Mal 1896 auf dem Ladenschild. Die schwierigste Zeit machte das Lokal in den Kriegsjahren durch. 1944 fiel eine Bombe auf das Haus. Nur der Keller blieb erhalten. Fortan wurde dort ausgeschenkt, bis die Wirtsleute 1950 in die Räume wechselten, die heute als Kegelbahn dienen. In ihrer heutigen Form wiedereröffnet wurde die Gaststätte 1956. Gab es anfangs nur wenige Gerichte wie Handkäse, Wurstbrot und gekochte Eier, haben Gäste heute die Wahl aus einer großen Speisekarte und einer Wochenkarte mit saisonalen Gerichten. Der meist-bestellte Dauerrenner sind die Bratkartoffeln. Pur, ohne Zwiebeln, ohne Speck. „Es sind die besten in ganz Offenbach“ schwärmt Stammgast Hans-Peter Kloppenburg.

Walter Klein übernahm den elterlichen Betrieb

Vor sechs Jahren, nach dem Tod seines Vaters Wilhelm, übernahm Walter Klein den elterlichen Betrieb. Seine Frau Sabine hat sich vor drei Jahren entschlossen, ihn dabei zu unterstützen. „Früher hatte ich einen geregelten Bürojob, da ist der Unterschied zur Gastronomie gewaltig“, sagt sie. „Und man hat uns vorher viel Angst gemacht.“ Doch ihre Entscheidung bereut sie nicht – sie hat Spaß an der Arbeit im Service, am Kontakt zu den Gästen. Walter Kleins Reich hingegen ist die Küche. Er ist nicht nur gelernter Koch, sondern auch Metzger und Konditor. Ein Blick über den Tellerrand eröffnete sich dem 49-Jährigen bei einer beruflichen Station im Mövenpick-Hotel in Berlin.

Dass er eines Tages das Gasthaus übernehmen würde, war für Klein von Kindesbeinen an vorgezeichnet. „Meine Eltern haben es 49 Jahre geführt, ich bin hier aufgewachsen“, sagt er lapidar. Seine Schwester Bettina ist ebenfalls Gastronomin. 1996 gründete sie das Catering-Unternehmen Carpe Diem in direkter Nachbarschaft zum Familienlokal. Mutter Liselotte hat sich zwar aus dem Hauptgeschäft zurückgezogen, doch ist sie mit ihren 77 Jahren noch immer etwas wie eine gute Fee in der Küche – etwa wenn es ums Salatschnibbeln geht. Weitere Unterstützung bekommen Sabine und Walter Klein von jeweils drei Hilfskräften in der Küche und im Service.

Wirtsleute keltern ihr Stöffche selbst

Wie es sich für eine echte Apfelwein-Wirtschaft gehört, keltern die Wirtsleute ihr Stöffche selbst. Die Streuäpfel aus der Wetterau landen ganz traditionell in der historischen Apfelweinpresse von 1926. Noch macht das gute alte Stück seine Arbeit. Doch vor jedem Keltern werde „einmal gefettet und zweimal gebetet“, denn die Neuanschaffung einer Presse sei nicht mehr rentabel.

„Werbung können wir uns nicht leisten, da werden zum teil horrende Summen verlangt“, klagt Walter Klein, „unser Geschäft läuft fast nur über Mundpropaganda.“ Der große Teil der Kundschaft seien Stammgäste. Doch Konkurrenzdenken zu anderen Gaststätten im Nordend ist dem Ehepaar fremd. Geschäftlich und privat sind sie mit den Eigentümern vom Speyereck befreundet. „Wenn einer Urlaub hat, schickt er die Gäste zum anderen“, erzählt Sabine Klein.

An den wenigen freien Tagen bleibt die heimische Küche in der Wohnung überm Lokal meist kalt. Kleins gehen gern bei Freunden oder in anderen Restaurants essen. „Spionage“, nennen sie es schmunzelnd. Wenn sie noch mehr freie Zeit haben, nutzen die Motorradfans sie gern für eine spritzige Tour auf ihren Maschinen.

Als Dank an alle treuen Gäste feiern die Wirte heute anlässlich des Jubiläums ein großes Grillfest in der Gartenwirtschaft. Allerdings gibt es keine freien Plätze mehr. „Für diesen Abend sind wir seit Wochen ausgebucht“, freuen sich Kleins. Doch weitere Jubiläen folgen bestimmt. „Wir wollen den Geist der Gaststätte erhalten und so weitermachen, wie die Familie den Grundstein gelegt hat“, sagt Sabine Klein. Weitere Informationen: www.apfelweinklein.info.

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