Noch keine Not, aber ein Signal

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Bei der Löwenapotheke läutet das Glockenspiel heitere Weisen zu guten Geschäften, anderen Apotheken läutet hingegen das Totenglöcklein.

Offenbach ‐ Kommt der Stadt ein Stück Infrastruktur abhanden und kein Bürger schlägt öffentlich Alarm, kann das zwei Dinge bedeuten. Entweder der Verlust wurde noch nicht bemerkt. Von Marcus Reinsch

Oder er erscheint angesichts vieler Alternativen im kleinen Radius verschmerzbar - was im aktuellen Fall wahrscheinlicher ist. In Offenbach zumindest herrscht auch nach der Schließung der Punkt-Apotheke, Goetheapotheke und Starkenburg-Apotheke zum Jahreswechsel kein objektiver pharmazeutischer Versorgungsnotstand.

Je nachdem, ob man Telefonbuch, Gelbe Seiten oder andere Verzeichnisse befragt, gibt es alleine in der erweiterten Fußgängerzone ein gutes Dutzend Apotheken. Steht man vor einer, ist die nächste meist schon in Sichtweite. Insgesamt sind es in Offenbach mehr als 30, davon drei in Bieber, zwei in Bürgel und eine in Rumpenheim.

Apotheken müssen Zwangsrabatt gewähren

Aber: Der jüngste Schwund möge bitte trotzdem als Warnsignal verstanden werden, sagt Dr. Hans Rudolf Diefenbach. Der Chef der Rosenapotheke am Wilhelmsplatz kann zwar keine konkreten Beweggründe für den Abgang seiner telefonisch nicht erreichbaren Kollegen aus Großer Markt-, Goethe- und Arndtstraße nennen. Doch er sieht Befürchtungen bestätigt, die er als stellvertretender Vorsitzender des am Kaiserlei ansässigen Hessischen Apothekerverbandes auch gerne formuliert: Dass immer mehr Apotheken „Schwierigkeiten haben, überlebensfähig zu bleiben, ist auch den betriebswirtschaftlichen Fakten geschuldet“, beklagt er. Und dass die Politik der Branche enge Gewinnspannen „beschert hat und noch bescheren wird“, werde „auch Betriebe, die jetzt noch gut laufen, an den Rand der Problematik führen“. Selbst ein Standort in einem hochfrequentierten Einkaufszentrum bedeute nicht mehr zwangsläufig eine gute Geschäftslage.

Jüngster Baustein besagter Problematik: der Zwangsrabatt. Den müssen Apotheken den Krankenkassen gewähren, seit Beginn des Jahres 2,05 Euro statt zuvor 1,75 Euro pro Packung. Das belaste die Durchschnittsapotheke mit einem Ertragsminus von 7 500 Euro, berechnet der Verband. Insgesamt 200 Millionen Euro Einsparungen, sagt Diefenbach, seien von den Apotheken gefordert. Und die Großhändler, die den Markt der Medikamente beherrschten, wälzten diesen auch von ihnen verlangten Beitrag zur Gesundung des Gesundheitssystems ebenfalls „mehr oder weniger geschickt“ auf die Apotheken ab.

Stichwort: Generationswechsel

Diefenbach selbst fühlt sich „durch die Schikanen der Bundesregierung in meiner Berufsfreiheit eingeschränkt. Ich mache Verwaltungsarbeit von morgens bis abends, und für die Kunden bleibt immer weniger Zeit. Die verstehen das Heckmeck mit den Zuzahlungen auch schon längst nicht mehr.“ Für die Kundschaft in der Offenbacher Innenstadt bestehe aber kein Anlass zur Sorge, demnächst keine Apotheke mehr zu finden. Da seien ländliche Gebiete, in denen der Weggang einer Apotheke viel spürbarer sei, schon eher gefährdet.

Auch aus anderen Gründen, wie Dr. Heidrun Weber-Grandke (Lauterborn-Apotheke, Tempelsee-Apotheke) ergänzt. Stichwort: Generationswechsel. Ältere Kollegen, die an Ruhestand dächten, fänden nun häufiger keine Käufer für ihre Apotheken. Sie könnten zwar oft viele Stammkunden vorweisen. Doch spätestens mit dem erhöhten Zwangsrabatt könne eine Apotheke, bei der 70 oder 80 Prozent der Klientel nur Kassenrezepte einlöse, den Apotheker und seine Familie kaum noch ernähren.

Ganz zu schweigen von Angestellten. Weber-Grandke erwartet „eine riesige Entlassungswelle“, die Pharmazeutisch-Technische und Pharmazeutisch-Kaufmännische Assistenten trifft.

Gegenmittel? Schwierig. Mit dem lukrativeren Verkauf von Hilfsmitteln für Diabetiker und andere Gruppen etwa könne sich auch nicht jeder aus der Bredouille retten. Das bedinge eine Zertifizierung, die mehr als 5 000 Euro koste und, Nachschulungen vorausgesetzt, auch nur drei Jahre gültig sei.

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