Arbeiten mit Mäusen im Aktenschrank

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In der Siemensstraße hinter der ESO-Sortierhalle gibt’s viel Fliegen und Mäusedreck wie hier in der Autolackierei von Norbert Deiseroth.

Offenbach - Immobilieninhaber Jürgen Reichert ist verärgert. Seitdem der Offenbacher Stadtdienstleister ESO 2006 eine Müllsortierhalle an der Daimlerstraße errichtet hat, seien dort massive Probleme mit Fliegen, Mäusen und Gestank zu verzeichnen. Nun wollen mehrere von Reicherts langjährigen Mietern kündigen. Von Claus Wolfschlag

Schon seit der Planungsphase 2005 und erst recht nach der Fertigstellung der Halle kam es zu Anwohnerbeschwerden wegen Lärm, Gestank und Ungeziefer. Hausbesitzer beklagten, dass der Wert ihrer Grundstücke durch die Inbetriebnahme der Halle inmitten eines bewohnten Gebiets massiv gefallen sei. Der ESO entgegnete, dass der gesamte Sortiervorgang „sauber und ordentlich“ ablaufe.

Die Situation hat sich offenbar nicht verbessert. Nun muss Jürgen Reichert mit weiteren Einbußen rechnen. Seine Mieter sind auf dem Sprung zur Kündigung. Das direkt an das Areal der ESO-Halle angrenzende Gewerbegebiet in der Siemensstraße wird seit Inbetriebnahme der Müllsortierung von einer massiven Fliegenplage heimgesucht.

Jürgen Reichert vermutet verunreinigten Müll, gesammelten Hundekot und eine fast permanent offen stehende Halle als Ursache: „Die können an Sommertagen die Halle gar nicht geschlossen halten, obwohl sie dies verlautbaren. Die Arbeitsbedingungen wären unerträglich.“ Das würde erklären, dass bei Regen die Fliegenplage viel kleiner ist, als an Hitzetagen. Zudem führen täglich über 60 Fahrzeuge in die Halle, so dass das ständige Öffnen und Schließen der Rolltore auch unrealistisch wäre.

Vor kurzem begutachteten auf Reicherts Initiative Mitarbeiter des Gesundheitsamtes das Areal. Sie empfahlen zwar eine großflächige Rattenbekämpfung, sehen aber keinen besonderen Befall von Ratten auf dem Gelände, wie eine Anfrage unserer Zeitung bei der Behörde ergab.

Ortsbegehung an einem schattigen, leicht regnerischen Nachmittag: Es stinkt leicht in dem Hof an der Siemensstraße, Fliegen schwirren in hoher Zahl durch die Hallen.

Ein Mitarbeiter der seit 18 Jahren ansässigen Fahrzeuglackiererei „Voiture“ lächelt bitter: „Bevor ich lackieren kann, muss ich erst mal den Raum schließen und Insektenvernichtungsspray einsetzen. Denn wenn sich die Fliegen auf das frisch lackierte Autodach setzen, kann ich die Arbeit vergessen und muss morgen erneut ran.“

Oliver Exner von der Karosseriebaufirma Karbex ist sichtlich verärgert: „Seitdem die Halle da ist, haben wir hier Probleme.“ Sein kleines Büro wimmelt vor Dutzenden von Fliegen. Als eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes bei der Begehung zu ihm meinte, dass es auf einem Bauernhof auch Fliegen gäbe, hatte er ihr geantwortet: „Dann setzen sie sich mal fünf Minuten vor meinen Computer und surfen. Und lassen sie mal 20 Fliegen auf ihrem Arm Platz nehmen. Da fühlen sie sich wie in Afrika.“

Hartmut Kazmierczak von der Firma „Haka Pumpenservice“ klagt nicht nur über Fliegenkot auf seinen Kaffeetassen, sondern über ein massives Mäuseproblem: „Die laufen auf dem Tisch herum, selbst aus meinem Aktenschubfach schauten schon zwei Schwänze heraus.“ Um das nicht noch zu verstärken, esse er gar nichts mehr an seinem Arbeitsplatz, sagt er.

Auch Kambis Khederzadeh von der Textilfirma EXA schaut missmutig drein. Allmorgentlich schaltet er erst einmal den Ventilator ein, um die Fliegen zu vertreiben, und wartet dann zehn Minuten bevor er sein Büro betritt. Er zeigt auf die toten Fliegen auf dem Bürofußboden: „Der Fäulnisgeruch von der Anlage hinter der Trennwand ist schon in unsere Kleidung gezogen, was zu Rückgaben geführt hat. Auch müssen wir aufpassen, dass die Mäuse nicht Stoffe anknabbern.“

Diese Aussagen will der ESO nicht einfach stehen so stehen lassen. Pressesprecher Oliver Gaksch betont, dass seiner Gesellschaft eine auf die Müllsortieranlage zurückgehende vermehrte Fliegenplage nicht bekannt sei: „Wir zeigen seit Jahren viel Engagement in Sachen Schädlingsbekämpfung.“ Es bestehe enger Kontakt zur Nachbarschaft, „nicht nur im Negativen“. Ende 2008 hätte man sich an einer Versammlung von Anwohnern beteiligt und ein Angebot zur Finanzierung von Schädlingsbekämpfern unterbreitet, das auch teils angenommen worden sei.

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