Treffpunkt der Tagelöhner

Arbeiterstrich in der Nähe des Wilhelmsplatzes

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Jeden Morgen versuchen sie ihr Glück an der Bieberer Straße/Ecke Friedrichstraße aufs Neue: Osteuropäische Tagelöhner warten darauf, dass sie ein Kleinbus zur nächsten Baustelle bringt. Wer keine Arbeit findet, bleibt meist dort stehen, trinkt und lärmt. Die Anwohner sind genervt.

Offenbach - Ein paar Schritte vom Wilhelmsplatz entfernt, gleich hinter dem Neubau am spitzen Eck, treffen sich täglich Dutzende Tagelöhner aus Osteuropa. Wer keine Arbeit findet, bleibt dort stehen, trinkt, lärmt, verschmutzt. Einige Anwohner sind kurz davor zu resignieren. Von Sarah Neder 

Einmal um den Block. Seinen Block. Carlo Landesvatter, 58, grauer Haarkranz, grauer Bartwuchs, wohnt an der Friedrichstraße. Schon sein ganzes Leben lang. Doch er denkt ans Umziehen. Heute zeigt er das, worüber er sich seit Monaten empört. Er geht mit langen Schritten, deutet auf den Bürgersteig. Auf Kippenstummel und Bierflaschen und Kaffeebecher und Taschentücher. Alles vor seiner Haustür. Alles „von den Rumänen und Bulgaren“, sagt er, die sich täglich am Blinddarm der Bieberer Straße treffen. Und saufen und rauchen und laut sind.

Nicht mal eine Zigarettenlänge entfernt vom Wilhelmsplatz mit seinen Bars und dem Essen auf Schiefertafeln hat sich ein Arbeiterstrich etabliert. Warum, das weiß auch Landesvatter nicht. Aber seine tägliche Beobachtung zeigt: Zig Männer, manchmal 20, manchmal 40, stehen sich hinter dem sogenannten Bug-Gebäude die Beine müde. Warten auf Sprinter, die sie zur Baustelle bringen. Aber nur wenige finden Arbeit – der Rest bleibt stehen und säuft und raucht und ist laut.

Auch Edita Mohrhardt vom Reisebüro ein paar Häuser weiter an der Bieberer Straße stört das Treiben. Denn es schreckt auch Kunden ab. „Sie kommen nur noch ungern mit viel Bargeld in den Laden“, erzählt die 39-Jährige. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Geschäft des Vaters, wohnt mit zwei Kindern obendrüber. Das Schlafen fällt ihr in letzter Zeit aber schwer. Denn von unten schallt Musik und betrunkenes Grölen. „Seit einem halben Jahr ungefähr“, sagt Mohrhardt, „ist dort ein täglicher Treffpunkt.“

Tagelöhner wohnen in ärmlichen Verhältnissen

Im Ordnungsamt sieht man die öffentliche Jobbörse nicht als Problem. Das sind freizügige EU-Bürger, sagt Amtsleiter Peter Weigand. Die dürfen stehen, wo sie möchten. Und auch legal in Deutschland arbeiten. Dass die Parallelstraße zur Berliner eine Sammelstelle für Tagelöhner ist und die Ärger machen, sei ihm neu. Es sei die erste Beschwerde in dieser Form.

Das verwundert, ruft doch Carlo Landesvatter einige Male im Monat die Stadtpolizei, meistens wegen des Lärms. Im Sommer ist es besonders schlimm – dann stören die Männer bis lange nach Mitternacht, berichtet er. Aber Landesvatter ist keiner, der sich heimlich beschwert. Tür auf, Tor auf, raus auf die Straße. Wenn draußen mal wieder einer Stress macht, geht er hin, redet, verscheucht. Angst habe er keine, sagt er. Auf seiner Straße schubst er auch mal einen aus dem Weg.

Aber irgendwie kann er sie ja auch verstehen, sagt er über die Männer vor seinem Hoftor. Viele wohnen in erbärmlichen Verhältnissen. Pennen in Matratzenlagern in direkter Nachbarschaft. Manche hausen in feuchten Kellern. Noch nicht mal ein Bad, sagt Landesvatter. Klar, dass die raus möchten.

Unterkünfte von rumänischen Arbeitern

Schuld an dem täglichen Radau sind seiner Meinung nach aber die Wettbüros und Shisha-Bars am Wurmfortsatz hinter der Berliner Straße. Sie locken mit billigem, pfandfreiem Bier zum Mitnehmen – manche Männer kippen schon morgens die erste Flasche rein, sind am Mittag besoffen. Der Ton wird rau, Leergut fliegt auf den Bürgersteig, ins Gebüsch. Früher standen alle am Parkplatz gegenüber der Pizzeria am Markt, erinnert sich Landesvatter. Seit dort Eigentumswohnungen gebaut werden, halten sie sich vor seinem Hoftor auf.

Jeden Tag räumt der Familienvater seine Einfahrt auf. Besucher wollen die Autos nicht mehr draußen parken, seine Frau und die drei erwachsenen Töchter überqueren die Straße nur noch ungern allein. Deshalb denkt er ans Wegziehen. Von den anderen Nachbarn, die meistens schweigen, erhofft er sich mehr Hilfe. Auch von städtischer Seite wünscht er sich mehr Unterstützung, mehr Kontrollen, mehr Präsenz. Das würde einige zur Vernunft bringen, ist sich Landesvatter sicher.

Auch Ordnungsamtschef Peter Weigand glaubt, dass sich Lärm und Verschmutzung mit solchen Maßnahmen eindämmen ließen. Verärgerte Bürger sollten sich deshalb bei der Stadtpolizei melden, sagt er. Doch er weist darauf hin, dass es für eventuelle Maßnahmen der Ordnungsbehörde nicht ausreiche, wenn Menschen auf der Straße stehen und Bier trinken. Auch bei Lärmbelästigungen sei es schwer, jemanden zu fassen. Ein Platzverweis sei oft die strengste Maßnahme. Den bekommt Landesvatter auch allein hin.

Bilder: Großrazzia gegen organisierte Kriminalität

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