Qualifikation fast gescheitert

Behörden lassen Ärztin aus Syrien um Sprachkurs bangen

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Trotz steigender Arztzahlen reiche die Zahl der Mediziner nicht aus, um die Versorgung langfristig zu sichern, glaubt die Bundesärztekammer. Ausländische Ärzte können Lücken schließen. 2015 erhielten 3560 die Zulassung, 500 davon kamen aus Syrien.

Offenbach - Deutschland braucht Ärzte, gut ausgebildete Flüchtlinge könnten die Lücken schließen. In Offenbach hätte die notwendige Weiterbildung einer jungen Medizinerin aus Syrien beinahe an Zuständigkeiten scheitern können.Doch das Engagement eines Kollegen, der unsere Zeitung informiert, wendet alles zum Guten. Von Thomas Kirstein 

Suzan Izza ist 28, aufgewachsen in Damaskus und hat ein abgeschlossenes Medizinstudium, dem sich bereits ein achtmonatiger praktischer Teil in der Onkologie anschloss. Als es in der syrischen Hauptstadt immer bedrohlicher wird, legt ihr der Vater, ein Hochschulprofessor, dringlich nahe, das Land zu verlassen. Dass die Mutter aus Bulgarien stammt, bringt den momentanen Vorteil, dass die Tochter im November mit einem EU-Pass in Deutschland einreisen kann. Das Offenbacher Gesundheitsamt spricht den Diabetologen Dr. Christian Klepzig an, ob er eine Art Patenschaft für die junge Kollegin übernehmen könne. Klepzig sagt zu, in seinem Wohnort betreut er seit einem Jahr bereits einen aus der Ukraine stammenden HNO-Arzt und dessen Familie.

Suzan Issa verdient bereits ein wenig Geld mit Nachtwachen in Krankenhäusern. Damit finanziert sie Sprachkurse, so dass sie nach einem halben Jahr passabel Deutsch sprechen kann. Das aber reicht nicht, um die Approbation in Deutschland zu erhalten. Es hat womöglich auch nicht gereicht, um die Zuständigkeiten deutscher Behörden zu durchblicken.

Um als Ärztin arbeiten zu dürfen, benötigt die „bienenfleißige“ (Klepzig) junge Frau einen Sprachkurs, der sie auf die Qualifikationstufe C1 bringt – an der Prüfung scheitern manche Muttersprachler. Sie kümmert sich selbst um die Integrationsmaßnahme, die „Vorbereitung auf die Kenntnisprüfung für Humanmediziner mit ausländischem Abschluss“. Die Kosten von 9500 Euro für elf Monate inklusive Fahrtkosten, so glaubt sie, übernehme die Bundesagentur für Arbeit. Doch bei der kommt sie nicht weiter. Versprochene Rückrufe seien ausgeblieben, klagt sie Christian Klepzig. Der macht anschließend ähnliche Erfahrungen: „Meine Versuche, mich als Vermittler einzuschalten, sind gescheitert.“ Telefonische Kontaktaufnahme gelingt nicht, ein Fax mündet in die Bitte, eine E-Mail zu schicken, auf diese wie auf zwei weitere wird nicht reagiert.

Am 6. April hat Suzan Izza einen Termin bei der Arbeitsagentur, bekommt dort etwas von Fristen erzählt und, so weit sie versteht, die Empfehlung, sich ans städtische Jobcenter Mainarbeit zu wenden. Dort hört sie, der am 11. April beginnende Intensivkurs, der auf die Kenntnisprüfung vor der Landesärztekammer vorbereitet, sei wohl ziemlich teuer.

Frau zählt nicht als Flüchtling

Die Einschaltung eines „Paten“ wie Dr. Klepzig hätte gewiss Missverständnisse verhindern können. „Wenn Integration gelingen soll, dann muss auch der schwerfällige Apparat des Arbeitsamtes dringlich flexibel, unbürokratisch und kommunikativ werden“, hat der frustrierte Offenbacher Arzt an die Redaktion geschrieben. Diese schaltet sich ein – und dank Arbeitsagentur-Sprecherin Regina Umbach-Rosenow kommt Licht ins Dunkel des Behördendschungels.

Was der Frau aus dem Bürgerkriegsland kaum vermittelt werden konnte: Da sie nicht über die gefährliche Balkanroute, sondern mit ihrem bulgarischen Pass nach Deutschland gekommen war, zählt sie nicht als Flüchtling. Die Arbeitsagentur ist deshalb nicht für sie zuständig, sondern das städtische Jobcenter, von dem sie Leistungen nach dem sozialgesetzbuch II bezieht, also Hartz IV. Und die Mainarbeit sieht sich zunächst in der Zwickmühle: Sie würde ja gern helfen, darf aufgrund gesetzlichen Vorgaben Zuwanderer aus EU-Ländern nur ein halbes Jahr lang unterstützen – und nicht, wie für die Qualifikation in einem Mangelberuf nötig, über elf Monate.

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Über Regina Umbach-Rosenow, die betont, dass Missverständnisse und nicht böser Wille die Kommunikation beeinträchtigt hätten, schließen sich Arbeitsagentur und Mainarbeit nun kurz. „Wir lasen die Leute nicht hängen“, sagt sie und bittet um Verständnis, dass die Institutionen mit der Flüchtlingsfrage Neuland betreten hätten.

Zudem übermittelt sie die gute Nachricht für Izza: Die Ärztin aus Syrien werde von der Mainarbeit ihren Bildungsgutschein bekommen. Kollege Klepzig grummelt zwar noch über ein „Kommunikationsdesaster“, das durch Zugriff auf Paten zu vermeiden gewesen wäre. Aber er freut sich zuversichtlich, dass Deutschland in einem Jahr eine zuverlässige Fachärztin für Innere Medizin haben wird, wie sie dringend benötigt werden.

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