Arche Noah hängt um die Schulter

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Gegensätze ziehen sich bekanntlich an - und sind eins der Grundthemen der aktuellen Modewelt. Kein Farbkontrast, der nicht funktioniert.

Offenbach ‐ Das männliche, gut aussehende Model zieht lässig einen bunt gemusterten Reisetrolley hinter sich her. Der junge Mann bleibt inmitten des Laufstegs abrupt stehen, lässt den Koffer los und zeigt eine gekonnte Breakdance-Einlage. Dann nimmt er seinen Trolley und läuft weiter, als sei nichts gewesen. Von Veronika Szeherova

Viel Show, jede Menge Eigenlob und an jeder Ecke Taschen, Gürtel, Geldbörsen und wieder Taschen. Die 132. Internationale Lederwaren-Messe in Offenbach mutet wie eine Trotzreaktion gegen die Krise an. Edler Lederduft erfüllt die Luft, Hochglanzprospekte liegen aus, gut gekleidete Menschen wuseln zwischen den Ständen.

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Martin Wuttke ist dort schon seit Jahren „Fashion Consultant“, der Modeexperte der Messe. „NextguruNOW“ heißt seine Agentur mit Sitz in Berlin. Als Guru sieht Wuttke sich auch. Er erklärt den Unwissenden die Modewelt und ihre aktuellen Trendthemen. Leider in einer Sprache, die ein Nicht-Eingeweihter kaum versteht.

„Country Drifters“ sei einer der vier wichtigen neuen Trends, legt Wuttke los. Er zeichne sich durch seinen „Vintage Charakter und eco-sensible Eleganz aus, stonewashed, getumbelt, geschmirgelt, mit maskulinen Stoffen bei femininen Outfits.“ Aha. Will heißen: Naturstoffe mit einem Hauch Wildwest- und Indianerromantik. Wolle, Jeans und Karomuster sind unsterblich. Taschen und Kleidung bestehen aus Wildleder, alte Schnallen oder Nieten bilden die Deko.

Nieten liegen voll im Trend

Puritanisch und streng-elegant ist der Trend „Into the Pure“. Die Reduktion auf klare, ruhige Formen ist das Augenmerk des Stils, orientiert an den 40-er Jahren. Beige, grau und schwarz sind die Farbvorgaben. Wer zu diesem Stil die passende Tasche sucht, liegt mit einer klassischen Aktentasche genau richtig.

Ganz anders ist „Hyper Reality“. Als wären sie in einen Farbtopf gefallen und hätten dabei besonders viele Neontöne abbekommen, so schreiten die Models über den Laufsteg. Die engen Hosen gehen nur bis zu den Knöcheln, um die quietschbunten Sneakers oder die pinken Pumps besser zur Geltung zu bringen. Auch die Taschen sind auffällig bunt, selbst die Hartschalen-Koffer sind lackiert in lila oder türkis. „Spannende Einzelteile ergänzen sich spielerisch und kontrastreich, ein sehr urbaner Stil“, sagt dazu Trendexperte Wuttke.

„Twisted Nobility“ überschreitet ebenfalls bekannte Grenzen: Die völlig zerschlissene, löchrige Jeans trifft auf eine edle, glanzbesetzte Lederjacke - oder auf Lack, Ketten und Nieten. „Nieten liegen voll im Trend, bei Kleidung und bei Taschen“, so Wuttke. „In diesem Stil vereinen sich Noblesse und Rockstar Attribute zur totalen Coolness.“

Der größte Lederwarenhersteller aus der Region, Picard, war natürlich ebenfalls vertreten. Geschäftsführer Thomas Picard sieht das „weiche, anschmiegsame Nappalader mit saloppem, sportlichen Look“ als den Trend. „Am Abend darf es dann luxuriöser sein, mit Pailletten und im Krokodil-look.“ Auch Reißverschlüsse seien angesagt - und, da sind sie wieder, Nieten.

„Nachhaltigkeit“ ist ein wiederkehrender Begriff. Was könnte dies besser wiederspiegeln, als eine Handtasche des italienischen Herstellers Braccialini: Sie hat die Form einer Arche Noah.

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