Architektonische Ideen mit kreativen Beilagen

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Mehr Lebensqualität für Offenbach: Claudia Schieting schlägt vor, aus dem vergammelten Parkhaus Ziegelstraße einen Motel-Komplex zu machen.

Offenbach - Zum Semesterende zeigten am Mittwochabend Erstsemester beider Fachbereiche der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) ihre vielfältigen Arbeiten der Öffentlichkeit. Die Erstsemesterpräsentation endete traditionell mit Konzert und DJ-Party. In diesem Ambiente stellten auch Architekturstudenten aus Stuttgart ihre Entwürfe für eine „Kreativstadt Offenbach“ vor. Von Claus Wolfschlag

Schon im vergangenen Jahr hatte die HfG ein Workshop-Projekt gemeinsam mit Architekturdiplomanden der TU Darmstadt durchgeführt, das Entwürfe für eine Neubebauung der Hafeninsel entwickelte. Nun waren Studierende der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart an der Reihe, Stadtentwicklungskonzepte für die Offenbacher Innenstadt zu präsentieren. HfG-Professor Heiner Blum, der die schwäbischen Studenten betreut und durch die Stadt geführt hatte, erläuterte: „Es ging um Alltagskultur, darum, Offenbach für alle Menschen lebenswerter zu gestalten.“

Ökologie und Nutzungsoffenheit sowie ein freier, unbefangener Blick auf Offenbach sollten die Arbeit vor Ort prägen. Der das Projekt leitende Stuttgarter Professor Michel Müller erklärte zu seiner Klasse für nachhaltige Architektur: „In den Workshop waren 24 Studenten des dritten Semesters Bachelor eingebunden, also noch sehr junge Leute. Es ging bei ihren Arbeiten darum, mittels minimaler Injektionen in bestehende Stadtstrukturen Lebensräume zu erweitern und zu erschaffen. Die verschiedenen Kulturen sollten dabei zusammenfinden können und Orte mit Potential gefunden werden, die bislang nicht funktionieren.“

Es mag der gelehrten Anleitung oder dem jugendlichen Alter der Studenten geschuldet sein, dass sich die meisten Entwürfe inhaltlich gleichen. Sie kranken oft an falschen Grundannahmen: Der Annahme etwa, dass Menschen, die auf keiner Ebene eine gemeinsame Sprache sprechen, auf einmal das Mittagsmahl zusammen einnehmen, gemeinsam grillen oder Literaturlesungen beiwohnen sollen, und das bloß aufgrund eines pfiffigen Architekturentwurfs in einem Hinterhof. Das scheint gesellschaftspolitisch etwas naiv, bestenfalls illusionär.

Hinterhof als Orientbasar: So stellt sich HfG-Student Julian Blümle die Zukunft des trostlosen Hinterhofs an der kleinen Marktstraße vor.

Zahlreiche Entwürfe versuchten solch ein Zentrum kulturellen Austauschs über das gemeinsame Kochen herzustellen. Das TV-Kochshow-Fieber ist also an den Universitäten angelangt. Sehr sympathisch zwar, aber es bleibt zu prüfen, wie weit solche Liebe auch durch den Magen einer Stadt gehen kann.

Zuletzt: Die Behauptung, dass eine Architektur nachhaltig wäre, die meist nur aus Leichtbaumodulen besteht, als stets „offen“ sein und ständig abgerissen und umgebaut werden soll, ist nicht stimmig. Architektur, die sich der Dauerhaftigkeit entzieht, dient - nach Michel Houellebecq - nur „konsumorientierter Durchlässigkeit“, sprich: dem Profit von Baufirmen, nicht aber der Pflege ökologischer und energetischer Ressourcen.

Abgesehen von diesen Fehlern in der Aufgabenstellung besaßen viele Entwürfe durchaus Charme. Maria Zinke stellte sich einen auf dem Main schwimmenden Biergarten vor, dessen Boden schlicht aus Wasserkästen und Plastikflaschen bestehen soll, gefüllt mit einem auftreibenden Gas. Das Getränkekastenfloß könne dann zwischen HfG und Hafeninsel hin- und herschippern, erläuterte sie fröhlich: „Das hätte etwas von Ufer und Meer.“ Stephanie Kisslinger schuf für das selbe Areal einen ästhetisch gestalteten Mainufer-Grillplatz. Joana Heckhausen entdeckte ein marodes Haus in der Ziegelstraße, dass sie gerne entkernt gesehen und hinter der geretteten Fassade mit einer räumlichen „Bandstruktur“ neu gefüllt hätte.

Ebenfalls eine Problemecke hatte Julian Blümle entdeckt, den trostlosen Hinterhof an der Kleinen Marktstraße. Mittels einer Wabenstruktur stellte er sich dort als „pulsierendes Zentrum“ eine Art orientalischen Basar vor, mit Markt, Cafés und Garküchen. Diese Struktur solle „flexibel und sich selbst entwickelnd“ sein. Auf die Frage, ob so etwas nicht auch in Stuttgart gebaut werden könnte, antwortete Blümle etwas verlegen: „Stuttgart ist nicht so multikulturell wie diese Stadt hier.“

Lisa Koch hatte sich beim ersten Besuch in den Wilhelmsplatz verliebt. Allerdings wünscht sie sich das Gründerzeitareal gänzlich autofrei und am Südende mit einer halboffenen Versammlungsstätte für Theater, Poetry Slam und Freilichtkino versehen. „Sprachrohr Wilhelmsplatz“ nannte sie diese Mischung aus Kunstbühne und Veranstaltungsraum. Etwas weiter nördlich spielte Claudia Schieting mit der Vorstellung, aus dem vergammelten Parkhaus Ziegelstraße einen Motel-Komplex mit Beachclub und Café zu entwickeln. So könne aus einem Ort, der sich wie ein verdunkelnder Riegel durch die Innenstadt zwängt, ein „Anziehungspunkt für Geschäftsreisende, Touristen und die Offenbacher Bevölkerung“ werden. Und Nina Pollak gestaltete den „Kubus“ an der Berliner Straße zu einer großen Küche um.

Zwei der Entwürfe bedürfen genauerer Prüfung: Einen sehr interessanten Ansatz lieferte Caroline Goeser mit der Idee, den brachstehenden Turm der ehemaligen Schlosskirche wiederzubeleben, mit einem angegliederten Neubau zu versehen und zur Begegnungsstätte „Agora“ zu machen. Ebenfalls überlegenswert erscheint Marcus Gerulls avantgardistischer Entwurf einer Fußgängerbrücke über den Main in der Verlängerung der Schlossstraße. Innovation und geschichtlicher Wegeverlauf gingen dadurch eine Verbindung ein.

Somit haben sich die jungen Studenten mit viel Begeisterung an die Sache gemacht und teils liebenswerte kleine Ideen für die City-Gestaltung entwickelt. Ein Engagement, das auch von vielen Offenbachern anerkannt wurde. Eine der Studentinnen erinnerte sich: „Manche Restaurantbesitzer waren begeistert, als sie hörten, dass sich überhaupt jemand für ihre Stadt interessiert.“

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