Areva steht zu Offenbach

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Ulrich Gräber

Offenbach - Areva NP, Hersteller von Atomkraftwerken mit Niederlassung am Kaiserlei, setzt trotz der Energiewende der Bundesregierung auf Offenbach. Von Marc Kuhn

„Ich habe eine klare Botschaft: Dieser Standort ist heute und bleibt in Zukunft ein wichtiger Bestandteil der Areva-Gruppe“, sagte Ulrich Gräber, Geschäftsführer von Areva NP Deutschland, im Interview mit Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

In wieweit belastet der von der Bundesregierung beschlossene Atomausstieg das Geschäft von Areva NP in Deutschland?

Der Ausstieg lässt uns selbstverständlich nicht unberührt. Etwa die Hälfte der deutschen Reaktoren ist nicht mehr am Netz. Das bedeutet erst einmal weniger Aufträge vor allem im Brennelement- und Revisionsgeschäft im Inland. Aber in Deutschland werden ja zumindest bis 2022 noch weiter Kernkraftwerke betrieben. Und auch in der so genannten Nachbetriebsphase oder beim Rückbau gibt es für Areva vielfältige Betätigungsmöglichkeiten. Wir bewerten derzeit die gesamte Situation und prüfen, wie wir zukünftig die Schwerpunkte unseres Geschäfts setzen werden. So ist zum Beispiel die sicherheitstechnische Expertise unserer Ingenieure weltweit gefragt. Gerade nach dem Reaktorunglück von Fukushima hat die Nachfrage nach unserem sicherheitstechnischen Know-how stark zugenommen. Einmal mehr ist es jetzt von Vorteil, dass wir weltweit tätig sind. Schon heute macht der Auslandsanteil etwas mehr als die Hälfte unseres Umsatzes aus. Da Deutschland das einzige Land der Welt ist, das kurzfristig aus der Kernenergie aussteigen will, wird für uns das internationale Geschäft noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Welche Konsequenzen hat der Atomausstieg für den Standort Offenbach? Kommt es zu einem Arbeitsplatzabbau?

Ich habe eine klare Botschaft sowohl an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch an die Stadt Offenbach: Dieser Standort ist heute und bleibt in Zukunft ein wichtiger Bestandteil der Areva-Gruppe. Wir haben hier in den vergangenen Jahren massiv Kompetenzen weiter aufgebaut. Dieses Know-how ist international gefragt. Weltweit werden auch in Zukunft Kernkraftwerke betrieben und neu gebaut. Die Themen Sicherheit und sicherheitsrelevante Modernisierungs- und Nachrüstmaßnahmen werden weiter an Bedeutung gewinnen.

Steigen die Strompreise, wenn die deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden?

Ja sicher, nur über das wie viel sind sich die Experten uneinig. Es ist doch ganz einfach: Acht große Kraftwerke, die zuverlässig Strom rund um die Uhr geliefert haben, fallen plötzlich weg. Jetzt brauchen wir Ersatz und das kostet Geld. Die Verbraucher werden das aber erst zeitverzögert spüren, da Strommengen längerfristig eingekauft werden. Und die Preisspirale setzt sich weiter fort, weil zum Beispiel die Industrie die dadurch steigenden Produktionskosten auf die Produkte aufschlägt. Letztlich steckt der Strompreis auch in Autos oder den Brötchen vom Bäcker nebenan. Was die Menschen in Deutschland härter treffen wird, als steigende Strompreise im Haushalt, wird die Verlagerung von energieintensiven Schlüsselindustrien ins Ausland sein. Damit werden hochwertige Arbeitsplätze unwiderruflich verloren gehen.

Areva baut auf der ganzen Welt Atomkraftwerke. Gibt es im Ausland Verständnis für die deutsche Haltung?

Weltweit hat kein einziges Land so irrational auf Fukushima reagiert wie Deutschland. Ich würde eher sagen, die Reaktionen im Ausland reichen von Unverständnis bis hin zu Neugier. Neugier darauf, wie wir diese Energiewende so schnell bewältigen wollen. Und zu welchen Kosten für die Volkswirtschaft. Unverständnis insbesondere deswegen, weil Kerntechnik Made in Germany weltweit einen hervorragenden Ruf hat. Wie robust unsere Anlagen sind - insbesondere im Hinblick auf Naturkatastrophen wie in Fukushima - hat ja die Reaktorsicherheitskommission erst im Mai einstimmig bestätigt.

Wie reagiert Areva auf die Kehrtwende? Gibt es neue Geschäftsfelder, die ins Visier genommen werden?

Areva ist in Sachen Energie gut aufgestellt. Wir bauen Anlagen, die mit Wind auf See Strom produzieren ebenso wie Kernkraftwerke. Unser Leitmotto ist „Weniger CO2“. Damit haben wir Antworten für die, die mehr auf Erneuerbare Energien setzen und für diejenigen, die Kernenergie sicher nutzen wollen. Im Bereich der Kernenergie deckt Areava sogar den gesamten Brennstoffkreislauf ab. In Deutschland verfügen wir über hervorragende und langjährige Kompetenzen für die verschiedenen Lebenszyklen eines Kraftwerks: Von Nachrüstungen über den „gewohnten“ Anlagenservice und Brennstofflieferungen bis hin zum Rückbau von kerntechnischen Anlagen.

Wird mit der deutschen Energiewende auch ein weltweites Umdenken in der Atompolitik der einzelnen Länder einsetzen?

Nein, wir können nicht feststellen, dass andere Länder dem deutschen Ausstiegsbeispiel folgen. Erst Anfang dieser Woche hat das britische Parlament für neue Kernkraftwerke gestimmt. Viele Länder, darunter auch bedeutende Schwellenländer wie China und Indien, die heute schon die Kernenergie nutzen, haben in den vergangenen Monaten ihre Ausbaupläne nochmals bestätigt. Lediglich die Schweiz plant, längerfristig einen Ausstieg anzustreben und in Italien ist der Wiedereinstieg in die Kernenergie auf breite Ablehnung in der Bevölkerung gestoßen. Sie müssen bedenken, dass sich die globalen Herausforderungen an die Energieversorgung nach Fukushima ja nicht geändert haben: Die Weltbevölkerung wächst und benötigt Zugang zu Energie und Strom. Und dieser Strom muss zuverlässig, wirtschaftlich und möglichst Klima schonend erzeugt werden. Die Kernenergie ist dabei einer der wenigen Energieträger, der alle diese Attribute erfüllt. Angesichts des weltweiten Energiehungers muss uns aber letztendlich eines klar sein: Rund um den Globus werden alle verfügbaren Energieträger genutzt. Kernenergie ist sicher nicht die alleinige Lösung, aber ein wichtiger Baustein im Energiemix vieler Länder. Daran werden auch die hitzig geführten Debatten im 80-Millionen-Land Deutschland letztlich nichts ändern.

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