Armee der Schleimer

Jens Rachuts wüste anarcho-poetische Assoziationsorgie „Schneckengottt“

Offenbach - Eine fette Schleimspur durchzieht die Welt. Tokio, Turin, Malaga, das Wattenmeer, der Louvre – alles „weggeraspelt“ von einer Armee gefräßiger Bauchfüßler. Das ist keine Fortsetzung eines Horror-Sci-Fi-Streifens mit dem Titel „Angriff der Killerschnecken“, sondern das neue Machwerk von Jens Rachut. Von Lisa Berins

Der Hamburger Altpunker, Schauspieler, Autor und Hobbygärtner gab in den 1980ern und 90ern in Bands mit Namen wie Dackelblut, Angeschissen oder Blumen am Arsch der Hölle den Frontmann. Am Freitagabend war er zu Gast in den Parkside Studios Offenbach, um seinen neuen Text zu präsentieren: „Schneckengottt“. Eine wüste anarcho-poetische Assoziationsorgie, ein abstruses Kleingärtner-Alptraum-Szenario, eine ad absurdum geführte Gesellschaftsparanoia – oder vielleicht einfach nur Nonsense, wer weiß das schon.

Grün leuchtet der Thron des „Schneckengottts“ auf der Bühne, auf der neben dem tättowierten Jeanswestenträger die Schauspielerin und Sängerin Susanne Jansen aus dem Manuskript liest. Sie ist kurzfristig für Schauspielerin Laura Tonke eingesprungen, die krankheitsbedingt absagte. Begleitet werden die beiden von Thomas Wenzel (als Julius Block Teil der Band Die Goldenen Zitronen) an der Gitarre und von Künstler Pencil Quincy. Der hat einen Katzenbaum zum Schlagzeug umfunktioniert und mischt auf einem alten Bildschirm mit einer Fernbedienung Live-Visuals, die über einen Projektor an die Wand geworfen werden.

Etwas mehr als hundert Leute sind in die Parkside Studios im Badehaus der ehemaligen Oehler-Werke gekommen. Das Gastspiel organisiert hatte Sabine-Lydia Schmidt vom Plattenlabel Unbreakmyheart: Nach der Premiere am Mittwochabend in Berlin und einem Auftritt in Leipzig ist es erst die dritte Aufführung des „Schneckengottts“ in Deutschland. Die Mini-Tour endete gestern in Hamburg.

Kurz zur Handlung – wenn man’s so nennen will: Die Menschen plagt die Angst vorm Tod, denn eine Wiedergeburt als Schnecke droht. Auf Bildern ist zu sehen, wie die Viecher über Hochhäuser kriechen; eine Schleimarmee, die die Welt erobert. Dann geht es um die Klassengesellschaft, um Banalitäten des Alltags, die Bedeutungslosigkeit des Seins und dies und das.

Schnecken sind lahm und schleimig - aber tolle Haustiere

Mit rauer Stimme stellt Rachut Gedanken in den Raum wie „Der Mensch – ein Arsch mit Wasser drumherum“ oder „Wenn Gott Obst wäre, stelle ich mir ihn als kleine, blaue Ananas vor“. Während hinter den Künstlern ein Endlos-Abspann läuft, geht die Combo von der Bühne, ohne den Beifall abzuwarten – klassische Anarcho-Manier.

Weniger erfolgsverlegen war vor wenigen Tagen ein Kollege Rachuts aus der Hamburger Szene, Autor Heinz Strunk. Der ließ sich bei der Goldenen Kamera für den Film nach seinem Roman „Jürgen“ feiern. Mit kommerzieller Anerkennung hat Rachut dagegen nichts am Hut. Die Tournee durch alternative Szenelokale werde im Herbst fortgesetzt, kündigt er an. Die musikalischen Hits der Lesung, etwa „Ikea-Mond“, sollen demnächst auf einer Platte erscheinen. Vielleicht hat die Welt nicht unbedingt darauf gewartet. Andererseits – worauf denn eigentlich sonst?

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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