Auch für die Bildung fehlen Millionen

Offenbach - Es war das erste moderierte Gespräch von „Lecture Offenbach“. Paula Kuhn, Initiatorin der Diskussionsrunde, eröffnete die Diskussion mit einer kurzen Einführung. Sie erläuterte das vorgesehene Zusammenspiel von Bundesvereinigungen und lokalen Trägern. Im Verlauf hielt sie sich im Sinne einer Projektmanagerin aus der Diskussion raus. Von Ernst Buchholz

Dafür hatte sie als Gäste Bundesprominenz und Vertreter von Offenbacher Initiativen eingeladen - zehn Experten für kulturelle Migrationsarbeit.

Die Moderation hatte Andreas Horchler, Journalist bei hr-Info übernommen. Das war bei der Zahl der redefreudigen Diskutanten im Saal derIndustrie- und Handelskammerkein einfaches Unterfangen. Der Saal war gut gefüllt und die Zuhörer im lockeren Rund um die Diskussionsteilnehmer bewiesen bei den Fragerunden Sachverstand und Kenntnis der Offenbacher Probleme.

Die Diskussion begann mit Statements zum aktuellen Zustand der Lese- und Schreibschwächen in der Bundesrepublik - gerade bei Migranten. Elfriede Haller, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung:„Es gibt in Deutschland nur geschätzte Zahlen über die Anzahl der Analphabeten. 4 bis 5 Millionen, wahrscheinlich mehr. In Offenbach sind es rund 5 800.“Christoph Schäfer von der „Stiftung Lesen“ beschreibt die Arbeit des Verbandes als „Prävention“. Als praktisches Beispiel führt er das Vorlesen und die „Lesepatenschaften“ an.

Die Offenbacher Teilnehmer - Agnes Thoelking (Jugendbildungswerk),Koryoun Khosrovafian (Lernwerkstatt), Sigrid Jacob (Freiwilligenzentrum) - stellen die Arbeitsweise ihrer Institutionen und ihre Erfolge vor. Alle sind sich einig: Sie loben das ehrenamtlich Engagement im Allgemeinen und die neue Initiative von Paula Kuhn im Besonderen.

Nach kurzer musikalischer Umrahmung gibt Horchler in die Runde.„Die Zeit ist so fortgeschritten, das wir später keine Diskussion mehr führen können.“Die Zuhörer sind mit den bisherigen Aussagen aber nicht immer einverstanden. „Hier ist viel die Rede von ehrenamtlichen Engagement und Investitionen in die Zukunft. Wo bleibt aber das Geld, wenn Milliarden bei der Stützung der Banken verbrannt werden?“, fragt einer. Ein anderer moniert, dass sich niemand Gedanken darüber mache, wie man an die betroffenen „sprachlosen“ Jugendlichen herankomme. Es wird deutlich: Die Offenbacher haben so alle ihre Erfahrungen mit den angesprochenen Themen, ob es nun um die Schulbildung oder andere Lebensbereiche geht.

In der zweiten Runde sucht man strategische Ansätze, Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus den betroffenen Bevölkerungsanteilen zum Sprechen und Schreiben zu führen. Da wird diskutiert, ob man die Jugendlichen mit Rap und Hip-Hop an die Gesellschaft heranführen kann. Die Lernwerkstatt besucht mit Lehrlingen die Oper, das Jugendbildungswerk hat einen Schreibwettbewerb organisiert. „Es ist wichtig, dass man die Jugendlichen an die repräsentativen Räume der ‚Hochkultur‘ heranführt und ihnen die Teilhabe an unserer Kultur ermöglicht“, sagt Agnes Thoelking.

Es gibt noch mehr Projekte in dieser Stadt, die am Rande der Diskussion erwähnt werden - etwa „Mama lernt Deutsch“ oder die Jugendarbeit in der Sandgasse. Bleibt die Frage, wo sich ein neuer Verein in dieser Landschaft verorten kann. Als Dach? Als Stütze für kulturelle Aktivitäten?

Paula Kuhn erhält das Schlusswort und weist auf die Bedeutung ihrer Aktivitäten mit „Lecture Offenbach“ hin, die an der Gestaltung einer zukunftsfähigen Stadt mit bürgerlichem Engagement und den Bedingungen einer multi-ethnischen Gesellschaft arbeiten muss, um überlebensfähig zu sein. „Wir brauchen eine zukunftsfähige Konzeption für die kulturelle und soziale Entwicklung unserer Stadt.“

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