Die Arbeit in einer Diakoniestation

Auch mal Zeit für Gespräche

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An einem Vormittag betreut Schwester Carmen Jöst sieben Patienten.

Offenbach - Carmen Jösts Arbeitstag beginnt um 7 Uhr. Im weißen Auto mit dem Logo der Diakoniestation fährt sie zu Patienten in Offenbach. Sieben Schlüssel hat sie dabei – sieben Menschen bauen auf ihre Hilfe. Von Claudia Pfannemüller

Eine freundliche ältere Dame und ihre rumänische Betreuerin warten auf sie. Die Patientin leidet an Alzheimer und braucht rund um die Uhr Betreuung. Carmen Jöst ist in erster Linie fürs Einteilen der Medikamente zuständig. Es sind zahlreiche Pillen, die die Pflegerin in entsprechenden Boxen verteilt. Sie notiert, welches Medikament beim Arzt bestellt werden muss. Für ein warmes Fußbad und ein Gespräch ist auch Zeit.

Dankbar erzählt die Dame von früher, von ihrem Mann und den Kindern. Dass sie von drei Kindern spricht, obwohl sie nur zwei hat, ist Teil der Krankheit. Später kommt eine Schwester, verspricht Jöst ihr beim Abschied. Die Diakoniestation beschäftigt zwei speziell geschulte Alltagsbegleiterinnen, die mit Patienten spielen, reden, singen oder musizieren. Körperliche und geistige Anregungen sind für Demenzkranke wichtig.

Wechsel zur ambulanten Pflege

Carmen Jöst ist gelernte Krankenschwester. Als sie noch im Krankenhaus arbeitete, sei sie einmal allein auf Station gewesen, als zwei Patienten im Sterben lagen. Das nahm sie zum Anlass, zur ambulanten Pflege zu wechseln. Als sie 1991 dort anfing hieß ihr Arbeitgeber noch Evangelische Gemeindekrankenpflege. Heute ist die Diakoniestation einer der größten Pflegedienste in Offenbach. 24 Mitarbeiter betreuen etwa 100 Patienten am Tag.

Weiter geht es zur nächsten Patientin. Für sie ist die Pflegerin der einzige Besuch, den sie heute hat. Kaum angekommen, klingelt es schon wieder an der Tür, ein Handwerker will ins Haus. Dann läutet das Telefon. Selbstverständlich nimmt Jöst der Patientin die Wege ab, obwohl das nicht zu ihren Aufgaben gehört. Man merkt ihr nicht an, dass sie in ein enges Zeitkorsett eingebunden ist. Von der bestimmenden Art der Patientin lässt sie sich nicht provozieren, bleibt ruhig und freundlich. Doch sie muss weiter. „Ich weiß, dass ich oft die Einzige bin, die mit den Leuten spricht – aber der Nächste wartet schon!“

Betreuung über viele Jahre hinweg

Da gibt es die bettlägerige alte Dame, die im Haus ihrer Tochter wohnt und von ihr betreut wird. Die Tochter ist dankbar, dass die Diakoniestation einmal am Tag das Waschen und Anziehen übernimmt. Wie viel Pflege ein Patient bekommt, schreiben Kranken- und Pflegekassen vor. Die Vergütung der Pflegeleistung bestimmt die zur Verfügung stehende Zeit.

Als nächstes geht es zu einem alten Herrn, der seine Frau bis zu ihrem Tod gepflegt hat und nun selbst Hilfe braucht. Er fühlt sich einsam und isoliert. Ein Schicksal, das Carmen Jöst zu schaffen macht. Glücklicherweise hat sie Zeit, sich mal länger unterhalten zu können. Die dadurch entstehenden Kosten fängt der Förderverein der Diakoniestation auf, der seit 30 Jahren die Arbeit mit Spenden unterstützt.

„Ich betreue viele Menschen über Jahre“, sagt die Schwester, „da gehört man fast zur Familie.“ Sie hält den Kontakt zum Hausarzt, bestellt Medikamente und ruft, wenn gewünscht, den Pfarrer. „Manche Menschen wählen bewusst einen kirchlichen Dienst, weil sie über Gott sprechen oder beten wollen“, erzählt Jöst. „Wenn absehbar ist, dass ein Leben zu Ende geht, sind wir da, organisieren das medizinisch Notwendige, singen und beten gemeinsam“, so die erfahrene Pflegefachkraft. Die Diakoniestation arbeitet mit der Ökumenischen Hospizbewegung zusammen. „Gott sei Dank“, so Schwester Carmen, „wird bei uns niemand im Sterben allein gelassen.“

Professionalität und Nächstenliebe

„Professionalität und Nächstenliebe gehören bei uns zusammen“, betont die Leiterin der Diakoniestation, Martina Desch. Sie ist stolz auf das gute Betriebsklima und darauf, dass es bei ihren Mitarbeitern wenig Fluktuation gibt. „Es motiviert unsere Pflegekräfte, dass sie sich ein bisschen mehr Zeit nehmen können.“

Am Ende des Vormittags hat Carmen Jöst sieben Patienten versorgt. Erschöpft ist sie – aber auch zufrieden. Sie würde ihren Beruf gegen keinen anderen tauschen.

Die Diakoniestation betreut derzeit um die 100 Patienten im Stadtgebiet, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Der Großteil ist zwischen 70 und 90 Jahre alt und lebt allein. Die häusliche Pflege ermöglicht es ihnen, trotz Einschränkungen in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Zum zweiten Mal in Folge ist im März die Qualität der Diakoniestation vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen mit der Note 1,0 bewertet worden.

Um Menschen auch in Zukunft mit menschlicher Wärme auf fachlich hohem Niveau betreuen zu können, hilft der Diakoniestation ein Förderverein mit 190 Mitgliedern. Er unterstützt die Mitarbeiter bei Fortbildungen und finanziert den Besuchsdienst: Vergangenes Jahr hat er aus Spenden 275 Stunden bezahlt.

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