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Auf den Spuren jüdischen Lebens in Offenbachs Stadtteil Bürgel

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Michael Lenarz und Anton Jakob Weinberger (von links) haben sich mittels alter Pläne auf die Suche nach der früheren Mikwe der Bürgeler Synagoge Bürgel gemacht.
Michael Lenarz und Anton Jakob Weinberger (von links) haben sich mittels alter Pläne auf die Suche nach der früheren Mikwe der Bürgeler Synagoge Bürgel gemacht. © Sommer

Der ehemalige stellvertretende Leiter des jüdischen Museums Frankfurt, Michael Lenarz, hat zur Geschichte der Juden in Bürgel geforscht und entdeckt, dass die Gemeinde älter ist als angenommen. Die ehemalige Synagoge wurde vor 200 Jahren eröffnet.

Offenbach – In Bürgel existierte einst eine lebendige jüdische Gemeinde. Heute erinnert kaum noch etwas daran, dass einst Juden und Christen Tür an Tür wohnten, sich in Vereinen engagierten. Die Geschichte der Juden in Bürgel ist sogar älter als bislang bekannt: Die älteste Erwähnung jüdischer Familien wurde bisher auf das Ende des 16. Jahrhunderts datiert.

Doch Michael Lenarz, ehemaliger stellvertretender Leiter des Jüdischen Museums Frankfurt, hat in Archiven Quellen studiert und kann nachweisen, dass jüdisches Leben in Bürgel älter ist.

„Das geistliche Gericht zu Mainz erwähnt 1492, dass es einen nicht näher genannten ‘Juden zu Bürgel’ gibt“, sagt Lenarz. Dieser hatte sich wegen eines Rechtsstreits mit einem Frankfurter Schullehrer über Perlen im Wert von 30 Gulden an die Obrigkeit gewandt. „Wie die Geschichte ausging, ist leider nicht in den Akten erhalten.“

Einträge in Archiven entdeckt

Die nächste von Lenarz entdeckte Erwähnung datiert auf 1566 und findet sich in Hanauer Akten: Einem dortigen Bürger wurden elf Rinderhäute gestohlen und an einen „Juden zu Bürgel“ verkauft – dieser will gegen Erstattung des Kaufpreises die Häute zurückgeben. „Wie er hieß, ist nicht erhalten“, sagt Lenarz.

Namentlich erwähnt werden Bürgeler Juden erst 1594: Ein Itzig, Abraham und Uhrie sind wegen Zahlung der sogenannten Türkensteuer in Hanauer Akten erwähnt. Im Oktober oder November 1599 klagt der jüdische Metzger Salmon zu Rumpenheim, dass ihn Bürgeler Juden beim Warenankauf behinderten. „Die Geschichte der Juden zu Bürgel ist längst nicht erforscht, in den Archiven warten sicher noch weitere Entdeckungen“, glaubt Lenarz.

Lange geforscht wird im Stadtteil zudem nach dem rituellen Bad, der Mikwe, der 1824 eröffneten Synagoge: Mehrere Heimatforscher haben sich bisher vergebens auf die Suche gemacht. Nach Unterlagen des Katasteramts von 1905 lag das kleine Badhaus in der Verlängerung des Bürgerplatzes 3. Aber auf dem heutigen Grundstück erinnert wohl nichts mehr an die einstige Nutzung.

Synagoge wurde 1824 erbaut

Ganz in der Nähe, wo heute das Wohnhaus des Grundstücks steht, müssen sich auch das Gemeindehaus und die neue Schule der jüdischen Gemeinde befundenhaben. Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts zählte Bürgel 871 Einwohner, davon 233 Juden. Die alte Betstube im Falltorturm, wohl am nordöstlichen Teil des Dalles, war für die Gemeinde längst zu klein geworden.

So wurden an der Niedergasse zwei Grundstücke für einen Synagogenbau erworben. Doch letztlich wurde das Bethaus an der heutigen Bürgerstraße errichtet. Am 25. Juli vor 200 Jahren wurde die Synagoge eingeweiht.

Bei einem Rundgang am morgigen Sonntag will Lenarz die Teilnehmer rund um den Dalles zu den Orten führen, wo einst das jüdische Leben in Bürgel blühte. Die Juden lebten jedoch nicht in einem Ghetto: Christen und Juden waren direkte Nachbarn in diesem übersichtlichen, kleinen Ort.

Mit dem ehemaligen Café Schlesinger an der Mainstraße/Ecke Schifferstraße gab es noch einen besonderen Ort in Bürgel, weiß Lenarz zu berichten: Dort wohnte Sara Schlesinger, Tante des Komponisten Jacques Offenbach. Als der berühmte Musiker 1862 seine damals 84-jährige Tante besuchte, wurde darüber in der Offenbacher Zeitung berichtet. Heute ist freilich nichts mehr von dem Haus zu sehen – wie vieles im einstigen jüdischen Bürgel ist es untergegangen.

Zum Rundgang zu den Stätten jüdischen Lebens lädt die Max-Dienemamm-/Salomon-Formstecher-Gesellschaft für Sonntag, 14. Juli, 11.30 bis 13 Uhr, ein. Treffpunkt ist am Dalles, die Teilnahme ist kostenlos. Auch der jüdische Friedhof im Mainbogen gehört zu den Stationen, für Kopfbedeckungen (Kippot) für Männer ist gesorgt.

Von Frank Sommer

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