Auflauf in der Bahnhofstraße

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Blick zurück auf den Offenbacher Lokalbahnhof, wie er lange Jahre das Bild in der Bahnhofstraße prägte.

Offenbach - Für manche Offenbacher verschwindet wieder ein seit Kindertagen vertrauter Anblick, wenn das Parkdeck zwischen Bahnhofstraße und Berliner Straße abgerissen wird. Es soll dem Bau von Wohnhäusern Platz machen. Von Lothar R. Braun 

Noch immer aber leben auch Zeitgenossen, deren Gedächtnis dort das Bild des Bahnhofs verwahrt, von dem die Bahnhofstraße ihren Namen bezog. Er war die Endstation der Lokalbahn, die 107 Jahre lang Offenbach mit Frankfurt verbunden hat. Wer dabei war, hat die letzte Fahrt der Lokalbahn nicht vergessen. Sie endete in einer Nebelnacht kurz vor Mitternacht am Samstag, 1. Oktober 1955.

Ungeachtet der späten Stunde strömten Hunderte in die Bahnhofstraße, um Abschied zu nehmen. Eigens für die letzte Fahrt hatte die Bundesbahn aus dem Odenwald die Dampflok „Lisbeth“ herangeschafft. Dafür waren Sonder-Fahrkarten gedruckt werden mit der Aufschrift „16. April 1848 – 1. Oktober 1955“ und einer Abbildung des ersten Zugs von damals. Lokführer und Heizer zeigten sich im Gehrock und mit Zylinder.

Ein Aufgebot an Bahnpolizisten suchte das Gedränge schon am Sachenhausener Lokalbahnhof zu beherrschen. Zwar hatte man einen Vorzug aus modernen Schnelltriebwagen bereitgestellt, doch die Leute wollten mit dem geschmückten Dampfzug auf die Neun-Minuten-Strecke nach Offenbach gehen. Manche kletterten durch die Fenster in die Waggons. „Wenn wir immer einen solchen Betrieb gehabt hätten, dann hätten wir die Lokalbahn nicht wegen Unrentabilität einstellen müssen.“. Fassungslos sagte das Dr. Rudolf Streit, der Vizepräsident der Bundesbahndirektion Frankfurt.

1960 beendeten Abrissbagger dieses Kapitel der Stadtgeschichte.

In Oberrad begegnete der Zug dem entgegenkommenden leeren Vorzug, der mit Sirenenklang grüßte. Wo die Schienen Straßen kreuzten, standen winkende Menschen. Die „Lisbeth“ dankte mit der Dampfpfeife. An Offenbachs Bahnhofstraße waren alle Fenster besetzt. Den Aussteigenden schlug die Bahnpolizei Gassen durch das Gedränge. Eine rote Rakete zischte himmelwärts. Polizeibeamte halfen der Reporterin des Hessischen Rundfunks, mit ihrem Mikrofon den Lokführer zu erreichen. Die Offenbacher maulten: „Nicht einmal eine Kapelle hat die Stadtverwaltung organisiert.“ Freien Äppelwoi hatte es auch nur in Frankfurt gegeben.

Einen Volksauflauf hatte schon den Beginn der Lokalbahn-Geschichte markiert. Im März des Revolutionsjahres 1848 erzwangen Offenbacher Bürger die Inbetriebnahme. Sie war durch Behördenstreit über die Betriebsregelung verzögert worden. Tagelang zahlte kein Nutzer ein Fahrgeld, bis das Personal sich zum Kassieren eine Art Klingelbeutel verschafft hatte.

1849 erhielt die Strecke eine Verlängerung vom Sachsenhausener Lokalbahnhof bis an die Main-Necker-Bahn. Sie wurde wieder gekappt, als 1873 die Fernbahn-Trasse Frankfurt-Offenbach-Hanau-Bebra fertiggestellt war. Zuletzt war die Lokalbahn reduziert auf eine Funktion als „Äppelwoi-Express“. Sie beförderte Offenbacher Zecher in Minutenschnelle in Sachsenhausens Kneipen. Da war es schon lange nur noch Geschichte, dass die Lokalbahn in ihren jungen Jahren für Minderbemittelte und Sparsame auch einen „Stehwagen“ mitführte. In dem gab es nicht einen einzigen Sitzplatz.

Ein Massenerlebnis wurde die Bahn dann wieder 1948 zum hundertjährigen Bestehen, diesmal mit Blaskapelle. Sie musizierte, als der Offenbacher Oberbürgermeister Johannes Rebholz am Bahnsteig seinen Frankfurter Kollegen Walter Kolb empfing. Zu feiern war nicht nur das Jubiläum, sondern auch ein Neubeginn. Im Kriegsjahr 1944 hatte der Betrieb notgedrungen eingestellt werden müssen. Der Bahnhof, an dem 1955 noch einmal gefeiert worden war, verkam dann schnell zu einem Schandfleck. 1960 fraßen ihn die Abrissbagger. Offenbach hatte die Lokalbahn-Trasse gekauft, um darauf die Berliner Straße anzulegen. An die Stelle des Bahnhofs setzte sie ein Parkdeck.

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