Neue Anlaufstelle „Halte.Punkt“

Aufs komische Gefühl hören

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Maria Etzler und Florian Schmidt beraten bei „Halte.Punkt“.

Offenbach - Wie viele Kinder und Jugendliche in Offenbach Opfer sexueller Gewalt sind, kann niemand sagen. Nur die wenigsten Fälle kommen zur Anzeige. Die neue Beratungsstelle „Halte. Von Veronika Schade 

Punkt“ will Betroffenen, Angehörigen und pädagogischen Fachkräften künftig helfend zur Seite stehen und das sensible Thema aus der Tabuzone holen.
Eine Großstadt ohne eigene Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche, die sexuelle Gewalt erleben – das war Offenbach bisher. Zwar kam beim sexualpädagogischen Angebot von der Organisation pro familia dieses Thema zur Sprache, doch für eine gezielte Arbeit fehlte das Geld. Wie berichtet, soll sich dies nun ändern: Das Land Hessen stellt Mittel für den Ausbau von Beratungsstellen bereit. Dem Einsatz von Frauenbüro und der Gleichstellungskommission der Stadt ist es zu verdanken, dass ein Teil davon nach Offenbach fließt.

Der Aufbau der Beratungsstelle „Halte.Punkt“ in den pro-familia-Räumen an der Domstraße 43 ist seit November vergangenen Jahres in vollem Gange. „Wir müssen nur noch die Plakate drucken lassen, die wir dann in Kinderarztpraxen und anderen Stellen aufhängen. Und Schulen kontaktieren, um unser Angebot vorzustellen“, berichtet Maria Etzler. Die Sexualpädagogin ist gemeinsam mit ihrem Kollegen Florian Schmidt für den „Halte.Punkt“ zuständig und freut sich über den erweiterten Rahmen. „Bisher mussten wir häufig Fälle an Beratungsstellen in anderen Städten verweisen, weil die Arbeit nicht zu leisten war.“

Dabei ist es eine Arbeit, die viel Einfühlungsvermögen erfordert und nicht nach Schema F verlaufen kann. Denn sich zu öffnen, sich aktiv Hilfe zu suchen, fällt Betroffenen schwer. Daher werden nur die wenigsten Fälle aufgedeckt. Laut offizieller Polizeistatistik waren im Jahr 2016 hessenweit 890 Kinder und 71 Jugendliche von sexueller Gewalt betroffen. Im Stadtgebiet Offenbach wurden 21 Anzeigen registriert. Die Statistik kennt also nur die Fälle, bei denen es zur Anzeige kam – die Dunkelziffer ist ungleich höher.

„Aber Kindern und Jugendlichen geht es meistens nicht darum, Anzeige zu erstatten“, wissen die Experten. Die Beratung ist für die Minderjährigen ausschlaggebend: die Möglichkeit, sich anzuvertrauen, ohne sanktioniert zu werden, einen Ausweg aus einer unangenehmen Situation aufgezeigt zu bekommen. „Viele denken, dass sexuelle Gewalt das Äußerste bedeutet, nämlich eine Vergewaltigung. Dabei fängt sie schon im Kleinen an“, betont Schmidt. Ein unangebrachter Witz, eine zweideutige Bemerkung, eine scheinbar zufällige Berührung. Auch das Versenden pornografischer Inhalte an Kinder ist sexuelle Gewalt. Verbreitet unter Jugendlichen ist das „Sexting“, das Verschicken von Nacktbildern übers Smartphone. Wenn dies gegen den eigenen Willen geschieht, kann es schwere Folgen für die Betroffenen haben. Bei der Beratung erfahren sie, wie sie die Situation richtig einordnen und welche Rechte sie überhaupt haben. „Das ist vielen gar nicht bewusst“, so Etzel. Die aktuelle „#MeToo“-Debatte leiste derzeit einen Beitrag, indem sie das Thema öffentlich mache, was die Jugendlichen durchaus wahrnähmen.

Die Klischeevorstellung vom Onkel, der die Nichte begrapscht, ist nur eine von vielen Facetten sexueller Gewalt – oft sind es Gleichaltrige untereinander. „Ausschlaggebend ist das Machtgefälle. Wenn einer keine Wahl hat, zu entscheiden, etwas zu tun“, erläutert Schmidt. Sogenannte Doktorspiele seien häufiger Bestandteil der psychosexuellen Entwicklung.

„Die kindliche Sexualität ist anders“, wissen die Experten. Trotzdem: Wenn Eltern sich Sorgen machen, weil ihr Kind mit einem anderen irgendwo in der Ecke verschwindet, können sie sich ebenfalls beraten lassen. Hauptsache sei, das Thema nicht zu tabuisieren. „Das erhöht die Gefahr von sexuellen Übergriffen.“

Das legen sie auch ratsuchenden Lehrern nahe. „Wir ermutigen Pädagogen, sexuelle Selbstbestimmung zum Thema zu machen.“ Schmidt und Etzler bieten ab der zweiten Klasse Schüler-Workshops in Selbstbehauptung an. Dabei geht es nicht vorrangig um sexuelle Gewalt, sondern darum zu lernen, seine Gefühle einzuordnen. Sich selbst wahrzunehmen, gute von schlechten Geheimnissen zu unterscheiden. Darauf zu hören, wenn man ein komisches Gefühl hat, das eigene Ich zu stärken.

Bei dieser Gruppenarbeit zeigten sich gerade Kinder im Grundschulalter meist aufgeschlossen. Grundsätzlich achtet sie darauf, dass bei allen ankommt, wo sie Hilfe erhalten – gerade bei denen, die auffällig schweigsam waren.

Telefonsprechstunden gehören ebenso zum Angebot wie persönliche Beratungen, alles unter Schweigepflicht. Wichtig ist den Akteuren, vernetzt zu arbeiten, auch mit der Polizei. Und endlich für die Stadt Offenbach eine Statistik zu sexueller Gewalt an Minderjährigen zu führen – unabhängig von Anzeigen.

Die neue Beratungsstelle bei pro familia an der Domstraße 43 ist unter Tel.: 069/85096800 montags, donnerstags und freitags von 9 bis 12 Uhr erreichbar, dienstags und mittwochs von 14 bis 17 Uhr.

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