Aufstand einer „Fangemeinde“

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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Unter diesem Motto könnte die traditionelle Sitzung der Interessengemeinschaft Bieberer Fastnacht gestanden haben. Wie ein roter Faden zog sich das Thema Reisen durch den Abend. Das gefiel. Bieberer Fastnachtsluft selbst schnuppern kann, wer noch eine der Restkarten für die „Frühstücksitzung“ von IGBiF und Katholischer Jugend am Fastnachtssamstag ergattert. Kostenlos und unter freiem Himmel: die Straßenfastnacht. Der närrische Lindwurm startet am Samstag, 13. Februar, 14 Uhr, durch Bieber.

Bieber ‐ Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zusammen: Borussia Dortmund und Schalke 04 etwa oder Düsseldorfer Alt und Kölner Kneipen. Als Offenbacher wiederum sollte man sich für die Bieberer Fastnacht ein dickes Fell zulegen. Auch und vor allem bei Sitzungen wie der der Interessengemeinschaft Bieberer Fastnacht (IGBiF). Von David Heising

Mit Hallau und Narrhalla-Marsch zog Sitzungspräsident Markus Gesser samt Elferrat in die heiligen Hallen von St. Nikolaus ein. „Wir starten nicht mit Rock n´ Roll, sondern dem Protokoll“, verkündete Gesser, der zum zweiten Mal die Rolle des „Präsis“ übernahm. Protokoller Klaus-Peter Keller nahm das Weltgeschehen aufs Korn - und eben auch Offenbach und dessen OB Horst Schneider. Ob gemeuchelte Bäume am Wilhelmsplatz, „die man doch im Neubaugebiet Bieber Nord - eigentlich „An den Eichen“ - gerne sehen“ würde, den verspäteten Klinik-Neubau oder den neuen Namenssponsor des Kickersstadions, die Frankfurter Sparda-Bank: Keller hatte keinen Themenmangel.

Weitere Bilder der Sitzung

Eine Bieberer Fastnacht

Schneider, im Publikum am Tisch mit CDU-Chef und Staatsminister Stefan Grüttner, nahm‘s gelassen und betonte, er habe einen „weiten Toleranzbegriff“ und „auch in Bieber eine große Fangemeinde“. So saßen die politischen Köpfe für diesen Faschingsabend einmütig an einem Tisch, auch wenn beim „synchronen Händeschwenken zu flotter Musik“ dann doch die Gegnerschaft durchschimmerte und beide nicht im gleichen Takt wippten.

Unpolitischer und schallendes Gelächter wert: Marga Rothbart und Steffen Zahn in charmantem Zwiegespräch über ihre „Fastnachts-Rundreise“. Erste Uijuijui-Rufe gab es beim Reim des Duos über den Stopp in Erfurt: „Der Osten und Fastnacht, des war ja zum flenne, schon deshalb hätt man die Mauer zulasse könne“. Danach erinnerte das IGBiF-Ballett in Schlaghosen und Stirnbändern an die Zeit von Blumenkindern und Woodstock. Und auch Martin Jäger und Thomas Meid, bei den Sitzungen der katholischen Jugend schon lange als „Duo Labbeduddel und Uschruh“ etabliert, verdienten ihre ersten Sporen bei der IGBIF mit einer Reise-Nummer. Von der dann gleich die dritte folgte: Jenny Bauer, unterwegs mit einem befreundeten Pärchen plus Kindern, erklärte sich selbst, dass Ehe und Familie so gar nichts für sie sind. „Für mich kommt so was überhaupt net in frach´“ war ihr wiederkehrender Reim.

Zeitreise zu Boney M

Und schließlich versetzten Chris Müller, Birgit Grün, Cornelia und Michael Reichenbach, Alexander Zahn, Dominik Meßmer und Rene Schwab in die Zeit von „Boney M“. Frank Farian stand nur musikalisch Pate, die Texte waren Originale der Band. So wurde aus „Rivers of Babylon“ schnell „An den Ufern vom Bieberbach“ und aus „Brown girl in the ring“ „Babbel bitte Bieberisch“.

Tatsächlich kreativ: Die Nummer „Ohne Worte“. Fred Bauer und Gerhard Faller bewiesen, dass man Leute zum Lachen bringen kann, ohne etwas zu sagen. Mit Laptop, Beamer und viel Feingespür für Interaktion projizierten die beiden in einer Art Präsentation das, was sie eigentlich sagen wollten, auf zwei Leinwände und stellten die Tücken der „Generation Powerpoint-Präsentation“ dar.

Im Anschluss ließen die „Zuckerhut Girls“ zu brasilianischen Rhythmen vor allem Männerherzen schmelzen. Und Willy Röder und Hanne Feind, Urgesteine der Bieberer Fastnacht, bildeten den Abschluss in der Bütt. Von Alterspräsident Ernst Gesser als „Creme de la creme“ tituliert, stieg Röder als Schornsteinfeger in die Bütt. „Jetzt steh ich hier und kann net anners - sie ham mir ja kaan Stuhl hingestellt“, kokettierte er mit seinem Alter, was sich als Thema durchzog. Ob Probleme mit dem Handy, Strapazen im Urlaub oder moderne Kindererziehung - alles wurde angeschnitten, mit trockenem, teils auch schwarzem Humor und immer mit Augenzwinkern. Hanne Feind, seit 52 Jahren in der Bütt, berichtete von ihrer Fernseh-Fassenachts-Guck-Zwangsneurose“, also dem inneren Zwang, möglichst alle Karnevalssitzungen im Fernsehen zu schauen.

Königlich wurde es dann noch mal zum Schluss, als „Queen Lisbeth und die Fünf Jahreszeiten“ den Narren die Ehre erwiesen. Bekannt aus der Jugendfastnacht, begeisterten Hans-Joachim Sbick , Tobias Kaiser, Florian Wolf-Görlich und Johannes Jung mit ihrem lokalpatriotischen Liedgut.

Ernst Gesser, an der Gründung der IGBiF 1977 maßgeblich beteiligt, war stolz auf seine Truppe. „Man wird hier keine gekauften Mitwirkenden finden. Die Teilnehmer machen alles selbst“. 2007 gab es einen Generationswechsel, als Gesser das Zepter des Präsidenten an seinen Sohn Markus übergab. Zum Finale auf die Bühne zu gehen, das ließ er sich dann aber nicht nehmen. Traditionell stimmten Mitwirkenden und Publikum die Nationalhymne „Mit Leib und Seele Bieberer“ an. Und auch als Besucher aus Offenbach ließ man sich mitreißen.

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