Augsburger Puppenkiste in Offenbach

Projekt Papilio: Trauer und Wut zum Anfassen

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Bekanntschaft mit den vier Grundgefühlen Heulibold, Zornibold, Bibberbold und Freudibold machten gestern dutzende Kindergartenkinder im Rathaus.

Offenbach - Mit bunten Marionetten, fantasievollen Geschichten und einem evaluierten pädagogischen Konzept will der Verein Papilio sozial-emotionale Kompetenzen schon im Kindergartenalter stärken. Von Jenny Bieniek

Vier Kobolde helfen den Drei- bis Sechsjährigen spielerisch, die eigenen und die Gefühle anderer zu erkennen und auf sie einzugehen. Dass es sich mit Wut im Bauch schlechter lebt als gut gelaunt, wissen bereits die Kleinsten. Und dass andere ganz schön nerven können, wenn man traurig ist und seine Ruhe haben will, auch. Was die Kleinen oft aber nicht wissen, ist, wie sie ihre aktuelle Stimmung in Worte fassen und mit ihr umgehen können.

„Menschen, die sich nicht verstanden fühlen, neigen zu Aggressionen. Und was mit Gewalt beginnt, führt später nicht selten zu Suchtproblemen“, erklärt Ralf Hain von der AOK den Kreislauf. Papilio setzt deshalb besonders früh an, um vorbeugend gegen die Gefahr von Sucht und Gewalt zu wirken. In Zusammenarbeit mit der AOK Hessen, der hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) und den hessischen Fachstellen für Suchtprävention hat der Verein deshalb ein gleichnamiges Programm entwickelt.

„Paula und die Kistenkobolde“

Herzstück des Konzepts ist das Puppenspiel „Paula und die Kistenkobolde“, das zahlreiche Kindergärten gestern im Rathaus sahen. Mit ins Boot geholt hat sich Papilio dafür die Augsburger Puppenkiste. Vier speziell angefertigte Kobold-Marionetten verkörpern die Grundgefühle Traurigkeit, Ärger, Angst und Freude.

Zornibold, den immer alles so schnell ärgert, und Heulibold, der ewig Traurige, helfen den Kindern genau wie Bibberbold und Freudibold dabei, ihre Gefühle einzuordnen und zu kommunizieren. Dass das nicht jedermanns Sache ist, wissen die Erwachsenenen nur allzu gut. „Papilio fördert auch den Aufbau von Schutzfaktoren“, berichtet Regina Sahl von der HLS. „Freundschaften schließen und sozial-emotionale Fertigkeiten ausbilden sind wichtiges Rüstzeug für ein stabiles Leben.“

Augsburger Puppenkiste in Offenbach

Die Augsburger Puppenkiste hat mit dem Präventionsprogramm „Papilio“ Station in Offenbach gemacht.

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Denn, so lernen die Kinder im Stück: „Mit richtigen Freunden geht’s einem oft schnell wieder gut.“ Weiterer positiver Nebeneffekt: Die damit verbundene sprachliche Förderung, die wieder gewaltpräventiv wirkt: Wer über seine Gefühle reden kann, benutzt zur Klärung von Konflikten seltener die Fäuste.

„Zwar sind die Zahlen insgesamt leicht rückläufig“, erklärt AOK-Beratungscenterleiter Hain, „aber es sind immer noch viel zu viele Kinder, die sich viel zu früh mit Alkohol volllaufen lassen oder ihre Emotionen in aggressivem Verhalten äußern. Das Programm hilft, unsere Kinder zu gesunden Erwachsenen zu machen.“

Dass es völlig normal ist, auch mal Angst zu haben oder traurig zu sein, erfährt der Nachwuchs im Puppenspiel anhand eingängiger Melodien: „Heute geht’s mir so und morgen schon ganz anders...“ Begeistert klatschen die Kinder mit. Natalie Passehl ist Erzieherin und weiß, wie sehr Gefühle schon die Kleinsten im Kindergarten beeinflussen. „Das ist eigentlich immer Thema bei uns“, erzählt sie. „Streit und wütende Kinder gibt es oft.“ Um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihren aktuellen Gemütszustand zu kommunizieren, hat jedes Kind in ihrer Gruppe eine eigene Stimmungsuhr gebastelt.

Über die Inhalte des Puppenspiels will Passehl im Kindergarten noch einmal in der Gruppe sprechen. Das Präventionsprogramm setzt jedoch nicht nur auf die Arbeit am Kind. Auch die Erzieher und Eltern werden miteinbezogen.

Weitere Präventionsangebote

„Studien haben bewiesen, dass unser Programm die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder gezielt anspricht und fördert“, betont Annett Schulz von Papilio. Und Yvonne Lahner (Fachstelle für Suchtprävention) fügt hinzu: „Je früher wir die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen, desto erfolgreicher kann Verhaltensauffälligkeiten entgegengewirkt werden.“

Weitere Infos im Internet

Das Land Hessen war 2006 das erste Bundesland, das das Programm nach der Modellphase in Bayern flächendeckend startete. In Offenbach haben sich bislang sieben städtische Kitas beteiligt, zwei davon sind inzwischen Papilio-zertifiziert. Mechthild Rau, Geschäftsführerin des Suchthilfezentrums Wildhof, wünscht sich, dass das Programm künftig auf unter Dreijährige und Fachschulen ausgebaut wird. Vor allem aber hofft man, die freien Träger einbeziehen zu können, wie Rau und Jugendamtsleiter Hermann Dorenburg betonen.

Neben dem Stück der Augsburger Puppenkiste zählen zwei weitere Angebote zum kindorientierten Ansatz des durch Universitäten evaluierten Programms. Beim „Spielzeug-macht-Ferien-Tag“ lernen Kinder, sich kreativ und ohne äußere Anreize miteinander zu beschäftigen; das „Mein-deinsdeins-unser-Spiel“ schult im Umgang mit sozialen Regeln.

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