„Joblinge“

Jugendlichen eine Chance geben

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Offenbach - Vermittlungsquote 82 Prozent. Wovon Arbeitsämter oder Jobcenter nur träumen können, ist einer Initiative gelungen, die sich seit gestern auch in Offenbach um benachteiligte Jugendliche kümmert. Von Matthias Dahmer

„Joblinge“ heißt das Ausbildungsprojekt, das 2007 von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG ins Leben gerufen wurde. Ziel: Die Integration benachteiligter Jugendlicher in den ersten Arbeitsmarkt.

Das Förderprogramm ist für jene gedacht, die wegen schlechter Schulnoten und mangelnder sozialer Qualifikation normalerweise keine Chance auf einen Ausbildungplatz haben. Die Jugendlichen durchlaufen mit Unterstützung von Mentoren und dem „Joblinge-Team“ zunächst eine sechsmonatige Schulung, die sich in eine Orientierungs- und eine Praktikumsphase gliedert. Erstere beinhaltet neben Coachings und dem Kennenlernen von Firmen auch die Sensibilisierung der Jugendlichen für Kulturelles. Im Idealfall qualifizieren sie sich nach den sechs Monaten für einen Ausbildungsplatz– etwa als Kraftfahrer, Bürokaufmann, Wachmann oder Kaufmann im Einzelhandel.

Anerkannten Ausbildungsberuf vermittelt

Gestern zog die Initiative in den Räumen der Energieversorgung Offenbach (EVO) Bilanz ihrer zweijährigen Tätigkeit im Rhein-Main-Gebiet. Seit der Gründung hat sie mehr als 100 Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren in einen anerkannten Ausbildungsberuf vermittelt.

Die Veranstaltung mit Festcharakter im EVO-Casino gab zugleich den Startschuss für eine Offenbacher Filiale des bislang in Hessen lediglich in Frankfurt angesiedelten Projekts. Unterstützt wird die künftige Arbeit der Filiale von einem extra zu diesem Zweck gegründeten Beirat. Ihm gehören neben der EVO, der Wetterdienst, die Nassauische Heimstätte, das Musikhaus André, die IHK sowie die Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen an. Die EVO übernimmt zudem Stipendien für zwei „Joblinge“, aus den Reihen der Belegschaft konnten vier Mentoren gewonnen werden.

Kundenberater für Erdgasautos

Einer von ihnen ist Gerald Meyer. Der Kundenberater für Erdgasautos, der zugleich dem Betriebsrat angehört, hat sich für diese ehrenamtliche Arbeit gemeldet, weil er die Initiative schlicht „toll“ findet. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass jungen Leuten bei der Berufsfindung oftmals ein Ansprechpartner fehlt, bei den „Joblingen“ mangele es zudem meist auch an der Unterstützung durch das Elternhaus.

Mentor Meyer kümmert sich in den nächsten Monaten um den 17-jährigen Patrick aus Dietzenbach. Der hat ein Praktikum bei einem Karosserie-Betrieb hinter sich, die Firma hat ihn letzlich aber nicht übernommen. Auch um mit einer solchen Enttäuschung fertig zu werden, sind die Mentoren da. Gerald Meyer hat jetzt erstmal eine CD besorgt, die einen Überblick über die Fülle von Lehrberufen gibt. Gemeinsam wird er sie mit seinem Schützling durchgehen. Eine der tragenden finanziellen Säulen der Initiative ist in Hessen das Land. 580.000 Euro habe man in diesem und im vergangenen Jahr zu Verfügung gestellt, sagt Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Er lobt die „passgenaue Hilfe“, die individuelle Betreuung und den Praxisbezug des Projekts.

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Grüttner kündigt noch für dieses Jahr eine Erhöhung der Fördermittel an. Damit soll das Filialsystem ausgebaut werden. Nach Offenbach werden demnächst in Wiesbaden und im Kreis Bergstraße Dependancen eröffnet. In einem weiteren Schritt soll das Konzept auch in Mittel- und Nordhessen etabliert werden.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels prognostiziert Grüttner, dass sich Firmen in Zukunft verstärkt auch um Jugendlichen bemühen müssten, denen die nötige Qualifikation fehlt und die man deshalb derzeit nicht berücksichtigt.

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