Bei Ausbildungswahl den Interessen folgen

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Was soll ich werden? Die Rotary Clubs aus Stadt und Kreis Offenbach gaben Oberstufenschülern Tipps.

Offenbach - Diensttaugliche Männer, die nicht verweigert hatten, ließ der Unteroffizier vom Dienst während der Grundausbildung morgens um fünf durch ein zackiges „Kompanie aufstehen!“ erwachen. Von Stefan Mangold

Wer sich heute noch auf diese Weise wecken lässt, nächtigt freiwillig in einer Kaserne. Seit März 2011 ist die Wehrpflicht außer Kraft gesetzt. Die Bundeswehr wirbt deshalb verstärkt um Nachwuchs.

Am Dienstag stellen sich auch Hauptfeldwebel Marcus Rittscher und Oberleutnant Matthias Schott im Gebäude der IHK an der Frankfurter Straße den Fragen künftiger Abiturienten aus Kreis und Stadt Offenbach. „Wer sich verpflichtet, darf innerhalb der ersten sechs Monate aufhören“, sagte Rittscher. Ein Angebot, das 20 Prozent der Rekruten nutzen. Meist schon in den ersten Tagen, wenn das Gebrüll der Unteroffiziere stärker nervt, als vorher vermutet. Wer sich als Abiturient aber für 13 Jahre verpflichtet, kann bei der Bundeswehr studieren. Auffällig viele junge Frauen lassen sich beraten.

Zum 16. Mal hatten die Rotary Clubs aus Stadt und Kreis Offenbach Schüler ab der 10. Klasse zur Berufsinformation eingeladen. 110 Vertreter verschiedenster Berufsgruppen beantworten möglichst jede Frage. Markus Weinbrenner, Hauptgeschäftsführer der IHK Offenbach, legt den Schülern ans Herz, eine Ausbildung zu wählen, „die sich mit ihren Interessen deckt“. Fritz Metzger, Präsident des Rotary Club Offenbach, scherzt „entweder sie lernen einen für sie guten Beruf, oder sie müssen gut heiraten“.

Eine wacklige Option

Eine wacklige Option, auf die sich die mehr als 500 überwiegend weiblichen Besucher der Veranstaltung nicht verlassen wollen. Die meisten Tische sind belagert. Wie der von Claus Weyers, Kommunikationsfachmann aus Offenbach. Er berät Unternehmen, „wie sie mit ihren Zielgruppen in- und extern reden können“. Es gehe nicht darum, den Angestellten gegenüber eine schlechte Nachricht in Geschenkpapier zu wickeln und Entlassungen etwa als Wohltat zu verkaufen: „Im Mittelstand haben die Leute schließlich ein Gesicht zu verlieren“. Als Beispiel aus seinem Alltag erzählt der Betriebswirt von einem Autozulieferer, der mit einer chinesischen Firma eine Tochtergesellschaft gründete. Seine Aufgabe sei es, die Führungskräfte zu beraten, wie sie Ängste der Mitarbeiter vor Auslagerung oder Diebstahl geistigen Eigentums von sich aus ansprechen. „Neben einem Wirtschaftsstudium sind verhandlungssicheres Englisch und eine sehr gute Allgemeinbildung Voraussetzungen für den Beruf“, betont Weyers.

Um gänzlich andere Themen geht es bei Michael Kunze (54), Priester der St. Josef-Gemeinde und amtierender Dekan. Männer, die heute katholische Theologie studieren, haben beste Chancen auf eine Pfarrstelle. Die Auflagen fürs Privatleben schrecken potentielle Kandidaten jedoch ab. Kunze selbst studierte das Fach, „weil ich nicht zum Militär wollte“. Er blieb dabei, „der liebe Gott hatte nichts dagegen“.

„Wer gut ist, kann viel Geld verdienen“

Gegen männliche Interessenten hat auch Peter Caligari, Inhaber von zwei Friseursalons in der Offenbacher Innenstadt, nichts einzuwenden. Er zeigt sich überrascht, „wie viele junge Männer mich fragen“. Natürlich sei der Friseurberuf auch etwas für Abiturienten, „wer gut ist, kann viel Geld verdienen“. Als Schreiner sowieso, was Tobias Heidelberger bestätigt, der in Bürgel mit seinem Kompagnon Eric Rostan eine Tischlerei betreibt, „es stimmt, Handwerk hat goldenen Boden“.

Insgesamt sieht IHK-Chef Markus Weinbrenner für Akademiker rosige Zeiten anbrechen. Nach Berechnungen der IHK fehlten bis 2020 durch den demographischen Wandel allein in Stadt und Kreis Offenbach 1300 Hochschulabsolventen: „Langfristig brauchen wir jeden, der halbwegs gerade aus denkt.“

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