Chance für Chancenlose

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Roland Kromm zeigt seinen Schülern Michael und Benitier wie man bei einem Kondensator die Lade- und Entladekurve misst.

Offenbach - Der Einstieg ins Berufsleben fällt nicht jedem leicht. Arbeitgeber erwarten heutzutage viel von ihren künftigen Lehrlingen, Auszubildenden und Mitarbeitern. Von Alexander Kroh

Neben berufsspezifischem Wissen spielen soziale Kompetenzen der Bewerber, so genannte soft skills, einegroße Rolle. Dazu gehören beispielsweise Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Flexibilität.

Dieser Anforderungskatalog überfordert nicht wenige Schulabgänger. Vor allem Schüler aus sozial eher schwierigen Verhältnissen haben es oft schwer, im Berufsleben Fuß zu fassen. An solche junge Leute richtet sich das Angebot der Ausbildungswerkstatt für Elektrotechnik des Offenbachers Roland Kromm. Der 58-Jährige unterstützt mit seinem Projekt Jugendliche, die sich für elektrotechnische Berufe interessieren und die selbst, oder deren Eltern, auf finanzielle Unterstützung durch den Staat angewiesen sind. Hinzu kommt, betont Kromm, dass „diese jungen Leute oft nicht ausbildungsfähig“ sind.

Ihnen fehlen die eingangs geschilderten Schlüsselqualifikationen, ihre schulische Leistung ist in der Regel auch „nicht so gut“ gewesen. Ursächlich sind die unterschiedlichsten Gründe, weiß Kromm, der früher schon am Berufsfortbildungswerk in Mühlheim Jugendliche und Erwachsene unterrichtet hat.

Die unter manchen Berufsschullehrern vorherrschende Meinung, die Jugendlichen von heute seien schlichtweg zu blöd, teilt Kromm nicht. Fest entschlossen, etwas für die Jugendlichen in seiner Heimatstadt zu tun („Wir sind nun mal eine Brennpunktstadt“), macht sich Kromm Mitte 2007 selbstständig und gründet die Ausbildungswerkstatt.

Finanziert wird die Einrichtung an der Fichtestraße von der MainArbeit, die auch für die Vermittlung von Jugendlichen an Kromms Ausbildungswerkstatt zuständig ist.

31 Schüler hatte Kromm bislang seit Eröffnung, über die Hälfte von ihnen hat nach dem einjährigen Aufenthalt in der Berufsvorbereitungsstätte einen Ausbildungsplatz gefunden.

Fachliche und soziale Kompetenzen werden in Gruppen- und Projektarbeiten vermittelt. Die Schüler lösen die ihnen gestellten praktischen Aufgaben im Team, das theoretische Wissen zur Lösung eignen sie sich selbstständig an.

Maximal zehn Schüler kann Kromm pro Jahr betreuen. Hilfe bekommt er von Elektromeisterin Barbara Sturm, die halbtags als Honorarkraft für die Ausbildungswerkstatt tätig ist. Ab Januar unterstützt die Beiden zusätzlich ein Sozialpädagoge, der sich mit jedem Schüler einmal wöchentlich zusammensetzen wird. Kromm selbst ist Meister des Elektrohandwerks und seit 22 Jahren in der Aus- und Weiterbildung tätig. Zahlreiche Pädagogikzertifikate schmücken die Wand seines kleinen Büros.

Neben elektrotechnischen Kenntnissen werden die Schüler im Alter zwischen 16 und 25 Jahren auch in Deutsch, Mathematik und Physik unterrichtet, außerdem lernen sie, welche Berufe für sie später einmal in Frage kommen, und wie sie sich richtig bewerben. Die Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis ist dabei immer gegeben.

Mit einem aufwendigen Projekt haben seine Schüler den Aufbau der elektrischen Steuerungstechnik einer großen Firma simuliert. An mehreren Stationen in der Unterrichtswerkstatt üben sie mit verschiedenen Sicherungstypen und sammeln praktische Erfahrungen.

Täglich von 8 bis 16 Uhr sind sie in der Ausbildungswerkstatt. Zur Berufsvorbereitung zählen natürlich auch Betriebspraktika. Sämtliche Arbeitsschritte der Schüler werden dokumentiert und fließen in die Bewerbungsmappen ein.

Der intensive Unterricht durch die kleine Schüleranzahl trägt Früchte. „Ich bin manchmal richtig erstaunt, wie schnell die jungen Leute auch schwierige Sachverhalte begreifen“, berichtet Kromm, der sich auch nach der einjährigen Betreuung noch um seine ehemaligen Schüler kümmert und den Kontakt aufrecht erhält. Die danken es ihm mit hoher Lernbereitschaft und Konzentration.

„Ich kam im September mit einem bewussten Ziel hierher“, erklärt der 17-jährige Michael Milaszewski, der einen Ausbildungsplatz im IT-Bereich anstrebt. 2005 war er mit seiner Familie aus Polen nach Offenbach gezogen. In der Ausbildungsstätte möchte er auch seine Deutschkenntnisse weiter verbessern und mehr über die Funktion von Wiederständen in der Elektrotechnik lernen.

Ihm gefällt es in der Werkstatt sehr gut: „Früher habe ich Erwachsenen bei der Arbeit zugesehen und mich gefragt, wie die das wohl machen. Jetzt habe ich mich selbst um die Elektrik in unserer Abstellkammer zu Hause gekümmert.“

Auch der 16-jährige Benitier Kuba ist zufrieden in der Ausbildungswerkstatt. „Wir arbeiten im Team, helfen uns gegenseitig, viel besser kann’s eigentlich nicht laufen“, sagt er.

Mehr Infos zur Arbeit von Roland Kromm finden sich auf der Internetseite

Besser laufen könnte es indes bei der Zusammenarbeit mit Offenbacher Handwerksfirmen, klagt Roland Kromm. Er konnte bislang zwar die meisten seiner Schüler vermitteln, aber nur wenige direkt an Offenbacher Firmen. Warum das so ist, kann er sich nicht wirklich erklären. „Ich würde mir wünschen, dass das Eis bricht und die Firmen auch auf uns zukommen, wenn sie Praktikanten oder Auszubildende suchen.“ 

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