Neun Jahre Haft für Messerstecher

Ausgerastet und 16 Mal zugestochen

Offenbach - Auch ein Geständnis in letzter Minute kann sich noch strafmildernd auswirken. Diese Erfahrung machte der Offenbacher Udo K. , den die Strafkammer des Landgerichts Darmstadt wegen versuchten Mordes an seiner Ex-Lebensgefährtin S. M. (36) zu neun Jahren Gefängnis verurteilte.  Von Silke Gelhausen-Schüßler

Ohne seine Aussage vor der Schwurgerichtskammer hätte sich der 41-Jährige vier bis fünf Jahre mehr eingehandelt.

In seiner umfassenden Aussage, die er kurz vor den Plädoyers über seinen Verteidiger Stephan Bonn verkünden lässt, widerspricht K. damit seiner eigenen haarsträubenden Version, in der „das Messer aus dem Regal fiel“ und „S. auf mich eingeschlagen hat“. Stattdessen räumt er ein: „Ich habe am Morgen des 26. Januar das rote Mäppchen mit dem Jagdmesser zu S. mitgenommen, ich bin ausgerastet und mit dem Messer auf sie losgegangen.“

Seit seinem 15. Lebensjahr tritt er immer wieder in Erscheinung

Udo K. gesteht und wird wegen versuchten Mordes an Ex-Lebengefährtin verurteilt.

Mit der 20 Zentimeter langen Klinge stach Udo K. 16 Mal zu. Er verletzte einen Seitenast der Halsschlagader, das Zwerchfell, die Milzkapsel, die Lunge. Durch die Abwehrreaktion der Frau – in Todesangst griff sie ins Messer – wurden Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand bis auf den Knochen durchtrennt. 1,2 Liter Blutkonserven und mehrere Facharztteams retteten der Frau in einer elfstündigen Operation das Leben.
K. ist der Justiz kein Unbekannter. Seit seinem 15. Lebensjahr tritt er wegen verschiedener Delikte immer wieder in Erscheinung: Schwerer Diebstahl, Betrug, Verstoß gegen das Waffengesetz, Raub und gleich drei Mal schwere Körperverletzung – das letzte Urteil wegen eines Halsstichs liegt gerade neun Monate zurück.

Einwandfreie Gesundheit bescheinigt

Eine klassische Beziehungstat jedoch, geboren aus Eifersucht und krankhaftem Besitzanspruch, beging er an der Waldstraße zum ersten Mal. Die Frage nach der Sicherungsverwahrung wird deswegen von der Kammer rasch verworfen.

19 Jahre hielt seine Lebensgefährtin, mit der er zwei gemeinsame Kinder hat, treu zu Udo K. – trotz Strafvollzugs, Arbeitslosigkeit und Gewaltausbrüchen. Zu kriseln begann es erst so richtig, als K. vor drei Jahren eine Beziehung mit einer anderen Frau einging: Da setzte seine Lebensgefährtin endgültig die Trennung durch. K. zog wieder bei seiner Mutter ein und bedrohte die Ex fortan: „Wenn ich dich nicht haben kann, dann soll dich auch kein anderer haben...“

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Solch geballtes Fehlverhalten über Jahre hinweg, ohne dass Drogen oder Alkohol im Spiel sind: Muss da eine psychische Störung oder gar Krankheit die Ursache sein? Weit gefehlt. Gutachter Professor Henning Saß aus Aachen bescheinigt K. bis auf sein leichtes Stottern eine einwandfreie Gesundheit. Die Ursache sei, wie so häufig, im Elternhaus zu suchen. Mit drei Brüdern, einer Schwester und der völlig überforderten alleinerziehenden Mutter wächst K. ohne angemessene Förderung und weitgehend sich selbst überlassen in einer sozial randständigen Familie auf. Obwohl er die Hauptschule gepackt hätte, besucht er wegen seines Sprachfehlers die Sonderschule. Wenig verbale Ausdrucksmöglichkeiten und ein roher Stil sind die Merkmale seines Milieus, Konflikte werden mit Draufhauen oder Einschüchtern gelöst, was sich bis heute fortgesetzt hat.

Immerhin ist Udo K. ganz zum Schluss dem einzigen Wunsch seiner Ex-Freundin vor Gericht noch nachgekommen. Sie hatte als Nebenklägerin gefordert: „Sag einfach die Wahrheit!“

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