Ausgezeichnet

Vom Untergrundprojekt zum Kulturpreisträger

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Ein Ort zum Verweilen, Musikmachen und gegenseitigen Kennenlernen: Der Waggon am Kulturgleis steht auf den Überresten der 2004 abgerissenen Hafenbahn direkt am Main und bietet seit 2008 an jedem Wochenende Veranstaltungen. Momentan ist aber Winterpause.

Offenbach - Vom studentischen Untergrundprojekt zum städtischen Kulturpreisträger: Der Waggon am Kulturgleis hat sich zu einem festen Veranstaltungsort in der Stadt entwickelt. Von Julia Radgen 

Was dafür nötig war und wie sie das Preisgeld einsetzen könnten, erzählen Vorstand und Betreiber des Projekts. „Es ist definitiv eine Wertschätzung“, sagt Markus Seumel, und Georg Klein ergänzt: „Es tut gut, dass unsere Arbeit und unser Herzblut respektiert werden.“ Grund zur Freude ist der Kulturpreis der Stadt Offenbach 2015. Beim Neujahrsempfang am 1. Februar wird er den Machern des Waggons feierlich überreicht. „Überrascht hat uns das schon“, geben die beiden zu. Ist der Waggon aus dem kulturellen Untergrund jetzt in höhere Sphären aufgestiegen? „Die Hochkultur stirbt ohne Underground“, sagt Klein, und für den stehe der Waggon noch immer. Konzerte, Theater, Kunst, Partys – jedes Wochenende locken Veranstaltungen Besucher in den alten Güterwaggon, Baujahr 1957, der am Mainufer in Höhe des Isenburger Schlosses steht. Dass es drinnen eng wird, ist nicht nur unvermeidlich, sondern gehört zum Konzept.

Seit 2008 hat sich bei den Waggon-Machern eine Doppelstruktur bewährt: Die früheren HfG-Studenten Georg Klein und Torsten Kauke kümmern sich um Betrieb und Programm, der Verein Soziale Plastik sammelt Spenden und bemüht sich um Fördergelder. Außerdem verschönern und reparieren die Mitglieder den Wagen. „Es gibt viele, die mitmachen möchten, aber nicht wissen wie“, sagt Vereinsvorsitzende Agnes Christ. Mit Reparaturarbeiten, Sachspenden und Hilfsdiensten engagieren sich Mitglieder ehrenamtlich. Das Projekt des Vereins Soziale Plastik, benannt nach Joseph Beuys’ Prinzip „Jeder Mensch ist ein Künstler“, soll offen sein für unterschiedliche Ideen und Besucher. „Alle Menschen, Kulturen und Szenen sind willkommen“, sagt Klein. Der Eintritt ist immer frei, Spenden sind willkommen. Genauso wie Ideen, mögen sie auch unkonventionell sein. So beherbergte der Waggon Musiker, die auf dem Theremin spielten, es gab Stummfilmvertonungen und Performances. Pro Abend kommen zwischen sechs und 40 Leute.

Markus Seumel und Agnes Christ (Vorstandsvorsitzende) sowie Georg Klein (Betreiber) freuen sich über den Preis.

Eine Wundertüte sind die regelmäßigen Jam Sessions, bei denen Musiker spontan zusammen spielen. „Sie sind das Herzstück des Waggons“, sagt Klein. Bei mehr als 80 Ausgaben kamen nicht selten Besucher mit selbstgebastelten Instrumenten. „Die zeigen anderen, wie sie das gemacht haben.“ Kommunikation ist im engen Wagen kein Kann, sondern ein Muss. Auch Neu-Offenbacher möchten die Waggon-Macher einbinden. „Wir haben schon vor der Winterpause ein Angebot für Flüchtlinge angeleiert“, sagt Klein. Für den Frühling ist ein Projekt geplant, das vor allem auf musikalischem Austausch beruht. Denn Lieblingsplatten vorstellen gelingt, ohne dieselbe Sprache zu sprechen.

Den direkten Austausch mit ihrem Publikum schätzen auch die auftretenden Bands. „Sie bekommen direktes Feedback, ihre Zuhörer stehen maximal zwei Meter entfernt“, sagt Christ. Aus dem Geheimtipp ist längst ein etablierter Veranstaltungsort in Rhein-Main geworden. „Es gibt wenige Orte, an denen Musiker vor 20 Leuten auftreten können, um sich mal auszuprobieren“, so Christ. Das hat sich auch ins Ausland herumgesprochen. So erwacht der Waggon am Kulturgleis am Sonntag um 19 Uhr aus seinem Winterschlaf, um die Band Bantam Lyons zu beherbergen. Die Franzosen wollten ihre Tournee nicht ohne einen Auftritt in dieser außergewöhnlichen Konzertstätte beenden.

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Ohne Eintritt wirtschaftet der Verein mit wenig Geld. „Unser Mitgliedbeitrag von 15 Euro ist eher symbolisch“, sagt Christ. Der mit 2560 Euro dotierte Kulturpreis helfe enorm. Vor allem unter den Gema-Gebühren ächzen die Veranstalter. Geldspenden von Musikern und Freunden verhinderten bisher eine finanzielle Schieflage. Und wofür wird der Rest ausgegeben? „Wir freuen uns immer über Geld für unsere Schlechtwetterkasse“, sagt Christ. So kann sich der Verein beispielsweise an den Reisekosten der Musiker beteiligen. Und: „Im Waggon gibt es immer etwas zu reparieren.“ Auch Fahrradständer und Geländer für die Treppe stehen auf der Wunschliste. Wenn im März der Regelbetrieb wieder losgeht, werden bewährte Reihen wie die Jam Session und Klirrbarr für experimentelle Elektromusik fortgesetzt. Neu geplant ist Street Tango. „Wir freuen uns, wenn wir etwas anbieten können, das wir noch nicht im Waggon hatten.“ Das sei gar nicht so einfach.

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