Zur Auskunft verdonnert

+
Als Leiter der Erhebungsstelle zog Niklaus Ende Mai 1987 eine ersten Bilanz zum Verlauf der Vollerhebung. Und zeigte dabei fünf Rücksendeumschläge von Verweigerern, die ihre Fragebögen mit Boykott-Aufklebern ungültig gemacht haben.

Offenbach ‐ Denkbar, dass Facebook-Gründer Mark Zuckerberg amüsiert in sich hinein grinsen müsste, wenn ihm jemand erzählen würde, mit welchem Aufwand Sabine Haase an ein paar Infos über ihre Mitmenschen heranzukommen versucht. Von Barbara Hoven

Zuckerbergs sozialem Netzwerk im Internet drängen Millionen Menschen oft auch noch das letzte Detail ihrer Existenz regelrecht auf. Im Vergleich zu all den Daten über Vorlieben, Handynummer oder Beziehungsstatus, die Facebook-Nutzer preisgeben, nimmt sich Haases von Amts wegen verordneter Wissensdurst eher bescheiden aus.

Jens Niklaus aus Mühlheim (heute 68) war vor 24 Jahren Offenbachs oberster Volkszähler.

Sabine Haase hat eine Mission: 24 Jahre liegt die letzte Volkszählung in Deutschland zurück, eine ganze Generation. Deshalb hat die Europäische Union der gesamten Bundesrepublik den „Zensus 2011“ verordnet. Vom 9. Mai bis 2. August werden Volk, Gebäude und Wohnungen gezählt. Auch in Offenbach laufen seit Monaten die Vorbereitungen für diese aufwändige Aktion. Im November hat die Erhebungsstelle unter Leitung von Sabine Haase vom zu zählenden Volk eher unbemerkt ihre Arbeit aufgenommen. Vier Mitarbeiter werden sich um die Abwicklung des Zensus kümmern, außerdem dient das Büro im Rathaus als Anlaufstelle für Bürgerfragen rund ums Thema. Davon dürfte es bald genug geben: Rund 10.000 Offenbacher werden in der Haushaltsstichprobe befragt, weitere 900 in so genannten „sensiblen Sonderbereichen“, Altenheimen zum Beispiel.

Pro Bogen etwa 15 Minuten investieren

Allein: Es fehlen noch Fragesteller. „Etwa 100 Leute haben sich bisher für die ehrenamtliche Tätigkeit gemeldet, mindestens 50 benötigen wir noch, gerne mehr“, sagt die Chefin der Offenbacher Volkszähler. Jeder Interviewer wird etwa 100 Personen befragen. Pro Bogen, schätzt Haase, muss er zehn bis 15 Minuten investieren. Dafür gibt´s eine steuerfreie Aufwandsentschädigung. Reich wird man zwar nicht mit dem Job, doch 500 bis 700 Euro lassen sich schon verdienen.

Es fehlen 50 Interviewer

Die mit der Mission „Zensus“ beauftragte Erhebungsstelle wirbt momentan um Interviewer. Benötigt werden zuverlässige Erhebungsbeauftragte für die Befragung in auskunftspflichtigen Haushalten – eine Aufgabe, die in der Freizeit flexibel eingeteilt werden kann. Nur Volljährige können mitmachen, es winkt eine steuerfreie Aufwandsentschädigung: Für jedes erfolgreiche Interview gibt es 10 Euro, 2,50 Euro für einen erfolglos gebliebenen Kontaktversuch. In Schulungen im März und April werden die Fragesteller auf ihren Einsatz vorbereitet. Einen Bewerberbogen gibt es unter auf der städtischen Internetseite, Infos bei Sabine Haase, Tel.: 8065 3275.

Ab Anfang Mai muss mit Post rechnen, wer für die Befragung ausgewählt wurde. Der zuständige Interviewer liefert einen Terminvorschlag und seine Kontaktdaten. Jeder zu befragende Offenbacher hat dann drei Möglichkeiten, seine Antworten zu geben: Im persönlichen Gespräch mit dem Interviewer, alleine schriftlich oder über das Internet. Nur Schweigen scheidet aus: Wer zum Personenkreis in den ausgewählten Haushalten gehört, die genauer befragt werden sollen, ist verpflichtet, am Zensus teilzunehmen. „Es besteht gesetzliche Auskunftspflicht“, sagt Haase. „Wer dieser nicht nachkommt, dem droht ein Bußgeld.“ Gefragt wird nach persönlichen Daten wie Adresse, Alter, Staatsangehörigkeit oder auch nach Ausbildung, Beruf und Migrationshintergrund. Einzig die Frage nach der Religionszugehörigkeit ist freiwillig zu beantworten.

Dass diesmal längst nicht jeder Offenbacher befragt wird, liegt daran, dass der Zensus 2011 dank eines neuen Verfahrens als Zwitter daherkommt: Anders als bisher werden nicht mehr alle Einwohner befragt, sondern es steht ein sogenannter registergestützter Zensus an. Heißt: Es werden vor allem die in den Registern der Verwaltung vorhandenen Daten ausgewertet – etwa die Melderegister der Kommunen und die Register der Bundesagentur für Arbeit. So sollen der Aufwand reduziert und die Kosten verringert werden. Mit den interviewgestützten Stichproben werden diese Daten dann ergänzt.

Abneigung gegen „gläsernen Menschen“

„Ich habe meine Zweifel, ob dieses neue Verfahren funktioniert“, sagt Jens Niklaus. „Der Rückgriff auf vorhandene Daten birgt Ungenauigkeiten, denn da können ja bereits Fehler drin sein, die so einfach übernommen werden.“ Niklaus weiß, wovon er spricht. Vor 24 Jahren war er der oberste Chef der Offenbacher Volkszähler, 730 Zähler zogen von Mai bis Juni 1987 auf seinen Auftrag hin für die Vollerhebung in Offenbach von Tür zu Tür.

Begleitet wurden sie von Protesten. Es war vor allem die Abneigung gegen den „gläsernen Menschen“, die damals landesweit Protestbewegungen hervorrief. Heute dagegen, wo der gläserne Mensch bei Facebook und Co. wirklich existiert, mutet die Volkszählung 2011 eher wie Milchglas an. 1987 aber „da gab es sehr viel Widerstand, in Offenbach speziell von Seiten der Grünen“, erinnert sich die damals ebenfalls beteiligte Beate Kolodziejski, heute Leiterin des städtischen Wahlamts. Von der Boykottinitiative „Offenbach antwortet nicht“ ist in den Archiven unserer Zeitung zu lesen. Oder von Aktivitäten einer Gruppe, die sich „Schwarze Schafe“ nannte. Diese druckte Volkszählerausweise nach und kündigte an, mit diesen Fälschungen die Fragebögen einzusammeln und zu vernichten. „Wobei ich sagen muss, dass es in Offenbach im Vergleich zu anderen Städten ruhig war“, meint Niklaus. „Es gab nicht mal eine Demo vor der Erhebungsstelle, kein einziger Farbbeutel flog.“ Weil das aber bei den Vorbereitungen zur Vollerhebung keiner wissen konnte, wurde die im „Haus der Bäcker“ beheimatete Stelle mit Fenstergittern geschützt, „ein Kollege brachte ein Schild mit der Aufschrift Fort Knox an“, erzählt Niklaus und lacht. Über 200 Offenbacher hätten bis zum Schluss die Auskunft verweigert. „Da hab ich viele Tage im Gerichtssaal verbracht, musste in jedem Fall als Zeuge aussagen.“

Kommentare