Kurzzeitlehre am Apennin

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Der angehende Metallbauer André Gutermann fühlt sich sichtlich gut aufgehoben bei seinem Chef John Lohrmann. Das Auslandspraktikum im italienischen Vicenza war das bisherige i-Tüpfelchen. Gutermann würde es sofort wieder machen.

Offenbach - „Und, würdest du es noch einmal machen?“ André Gutermann blickt zu seinem Chef. Schlossermeister John Lohrmann, Chef der gleichnamigen Firma mit Sitz in Waldhof, schweigt. Dabei ist es keine Fangfrage, es geht um den dreiwöchigen Italien-Aufenthalt des Auszubildenden. Von Martin Kuhn

Ein beruflicher Aufenthalt war das, versteht sich. Dann platzt es förmlich aus André heraus: „Ja, klar, auf jeden Fall! Ich empfehle es dem nächsten Lehrling.“ Da nickt der Obermeister zustimmend – obwohl ihm der 20-jährige Offenbacher drei Wochen im Betrieb gefehlt hat.

Mehrere Institutionen arbeiteten da Hand in Hand: Der dreiwöchige Auslandsaufenthalt („Avanti Europa“) wurde durch das EU-Berufsbildungsprogramm Leonardo da Vinci und die Handwerkskammer Rhein-Main gefördert. Als diese das Projekt im vergangenen Jahr vorstellt, sind zunächst Friseure, Maßschneider, Schuhmacher, Maler und Lackierer, Tischler und Bäcker angesprochen. Wer John Lohrmann, den bekennenden und meist direkten Offenbacher, kennt, kann sich ungefähr vorstellen, wie er sich in der Handwerkskammer zu Wort meldet: „Ich hätt’ da auch jemanden...“ So ebnete er für André Gutermann den Weg.

Dieser führte in die italienische Stadt Vicenza, die in der Region Venetien etwa 60 Kilometer nordwestlich von Venedig und 200 Kilometer östlich von Mailand liegt. Sie ist die Hauptstadt einer gleichnamigen Provinz. Bekannt ist die Stadt für ihre Schmuckwaren- und Bekleidungsindustrie und für Bauwerke der Renaissance. „An Kultur hat’s in der Zeit nicht gefehlt“, sagt der 20-Jährige, der zunächst dort, dann die erste Woche am Apennin vor allem Grundzüge der italienischen Sprache lernte.

Bei seinem Gastvater Marco, wo er mit einem weiteren Lehrling untergebracht war, fühlte er sich gleich gut aufgenommen: Der kocht zur Begrüßung, empfiehlt den jungen Leuten Bar und Einkaufsmöglichkeiten. Dann geht’s in den Betrieb, die kleine Firma Busato, die sich auf Cortenstahl spezialisiert hat. Dieser bildet unter der eigentlichen Rostschicht eine besonders dichte Sperrschicht, welche das Teil vor weiterer Korrosion schützt – lokales Beispiel sind die Tempo-30-Stelen in Lauterborn.

Was Gutermann bis heute begeistert: „Der Chef hat mir gleich viel zugetraut.“ Natürlich erst nach einer kleinen Probe. Als er sieht, dass der deutsche Lehrling den Stahl in eine Richtung anfließt (eine spezielle Bearbeitungsart), geht’s richtig ran: Eine Hoftür mit Stahlgeflecht darf er vernieten und rundschlagen. „Eine tolle Arbeit.“ Da Gutermann, der demnächst das zweite Lehrjahr beendet, einen Führerschein hat, lenkt er einem italienischen Kollegen mit dem Kleinlaster hinterher.

Rückblickend sagt er: „In Italien fehlt die Hektik, es ist alles etwas lockerer.“ Um einen falschen Eindruck zu vermeiden, greift Lohrmann rasch korrigierend ein. „Das heißt keinesfalls, dass die Qualität eine schlechtere ist. Es ist eine andere Mentalität; die Italiener gehen schmerzfreier mit den Materalien um.“ Wohl auch mit der ganzen Materie: Als Gutermann seinen italienischen Kurzzeit-Chef nach einer Anreißnadel fragt, mit der Hilfslinien auf dem Werkstück markiert werden, zuckt dieser lediglich mit den Schultern. Was in etwa heißt: Das geht auch ohne. Ja, und so war’s dann tatsächlich...

Zertifikat und Zeugnis des dreiwöchigen Italien-Aufenthalts vervollständigen inzwischen die Unterlagen. So etwas sieht der Meister gern. „Das ist für die jungen Leute doch eine tolle Sache“, sagt er. Nur einmal schüttelt er an diesem Nachmittag den Kopf – als Gutermann fragt: „Herr Lohrmann, gibt es das im nächsten Jahr noch einmal?“

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