Messe in Offenbach zieht Jugendliche an

Aussteller buhlen um den Nachwuchs

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Sarah Heeg aus Hanau (links) möchte Immobilienkauffrau werden. Ann-Kathrin Müller von der SOH ist es schon und schildert der 15-Jährigen den Ausbildungsverlauf bei den Stadtwerken Offenbach.

Offenbach - An der Straßenecke neben dem Eingang zur Messe Offenbach balanciert eine Schülerin auf einem Bein. Sie tauscht ihre bequemen Treter gegen schicke Schuhe. Von Katharina Hempel

Auf den guten Eindruck kommt es an bei der Vocatium Rhein-Main, der Fachmesse für Ausbildung und Studium: Die Schüler treffen möglicherweise auf ihren künftigen Arbeitgeber, die Aussteller buhlen um den Nachwuchs - mit Argumenten, Süßigkeiten oder Leuchtkulis. An geeigneten Auszubildenden mangelt es in jeder Branche und jedem Beruf - da sind sich die Betreuer aller Stände einig.

834 von 1 546 Lehrstellen sind laut Friedrich Rixecker, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Offenbach verantwortlich für Aus- und Weiterbildung, in Stadt und Kreis noch unbesetzt. Das seien etwas weniger als im Vorjahr.

Azubis wählen den Betrieb aus

„Mittlerweile ist es so, dass sich die Azubis den Betrieb auswählen, nicht mehr andersrum“, hat Claudia Ernet festgestellt. Sie ist zuständig für Personal und Ausbildung bei der Dental Union aus Rodgau. Der Großhändler für Zahnmedizin versorgt Zahnärzte mit allem, was sie für den Behandlungsraum brauchen - von Serviette bis Mundspiegel. Der Stand des Unternehmens wirbt mit Pop-Art-Look, Musik, bunten Lichtern und Videoprojektionen um die Aufmerksamkeit der künftigen Fachkräfte für Lagerlogistik oder Kaufleute im Groß- und Außenhandel.

„Wir merken schon die steigende Begeisterung fürs Studium bei den Schülern“, sagt Claudia Ernet, „aber wir haben auch das Glück, dass wir mit unseren Ausbildungsangeboten für jeden Abschluss etwas bieten können.“ Ihr Kollege Riko Mahr fügt hinzu: „Viele Lehrer wissen gar nicht, welche Ausbildungsberufe es gibt. Wie wollen sie ihre Schüler qualifiziert bei der Berufswahl unterstützen? ,Studier doch’ ist nicht immer der passende Ratschlag.“

Finanzwirt kennt kaum ein Schüler

Finanzwirt ist einer der 350 Ausbildungsberufe, den kaum ein Schüler kennt. „Steuern sind eben ein Gebiet, mit dem die wenigsten zu Schulzeiten in Berührung kommen“, erklärt Diplom-Finanzwirtin Martina Fescher vom Finanzamt Offenbach. Die Messebesucher, die sich neben ihrem Stand auf Stühlen ausruhen und auf den Lehrer warten, beweisen es: Die 16-jährige Dilan würde gerne Physio- oder Ergotherapeutin werden. Spontan hat sie sich noch bei Fielmann über Ausbildungsangebote informiert. Dominik, 15 Jahre alt, war als Mechatroniker-Kandidat bei der Deutschen Bahn. Für seinen Klassenkameraden Lejs stand sowieso fest, dass er Medizin studieren will. „Falls das mit den Noten nicht klappt, gehe ich zu SAE“, fügt der 14-Jährige hinzu. Das private Medieninstitut, hat ihn mit einem Vortrag über 3D-Art begeistert.

Dagegen sieht der Finanzwirt grau aus. Die elf Kandidaten, die bereits am Stand des Finanzamtes Offenbach zum Infogespräch vorbeigeschaut haben, versucht Martina Fescher mit folgenden Argumenten zu überzeugen: „Es ist ein interessantes Gebiet und wir bilden nach Bedarf aus. Das heißt, in der Regel übernehmen wir alle Azubis.“ Aber adäquaten Nachwuchs zu finden, ist trotzdem schwer. „Damit haben wir ganz stark zu kämpfen.“

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Die Hoffnungen liegen auf der Vocatium. Das Finanzamt hat dort zum ersten Mal einen Stand aufgebaut. Und ist zufrieden: „Es ist eine große Messe, die während der Schulzeit stattfindet und damit auch einen größeren Personenkreis trifft. Außerdem sind die meisten Gespräche vereinbart, sodass wir strukturiert beraten können“, sagt Martina Fescher.

Das lobt auch Jasmin Noll, Ausbilderin bei der Stadtwerke Offenbach Holding (SOH). „Die Schüler sind richtig gut vorbereitet, zum Teil mit Fragenkatalog. Das ist kein Vergleich zu anderen Ausbildungsmessen.“ Nebenan lassen sich Ann-Christin und Annika beraten. Die Gymnasiastinnen der Frankfurter Max-Beckmann-Schule interessieren sich für eine Karriere bei der Berufsfeuerwehr Offenbach. „Ich suche einen Beruf, bei dem ich nicht den ganzen Tag im Büro sitze, sondern mich bewegen kann“, beschreibt Ann-Christin ihre Vorstellungen. Ihre Freundin fügt hinzu: „Ich mache gerne Sport und bei der Feuerwehr kann ich dazu noch Gutes tun.“ Dass sie davor zunächst eine handwerkliche Ausbildung machen müssten, wäre für die beiden Teenagerinnen kein Hinderungsgrund. Heike Speer-Klein, Projektleiterin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Feuerwehr, dürfte das freuen: „Die Voraussetzung Ausbildung ist unser Handicap. Um diese gesetzliche Hürde kommen wir leider nicht herum.“

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