Das große Schweigen brechen

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„Getauft, ausgestoßen – und vergessen?“ ist Titel einer Ausstellung in der Stadtkirche zum Kirchenausschluss von Menschen jüdischer Herkunft in der NS-Zeit. Jörg Engelmann, Dekanin Eva Reiß und Pfarrer Volker Mahnkopp bringen mit der Ausstellung eine vertuschte, wenig ruhmreiche Epoche der jüngeren evangelischen Kirchengeschichte ans Tageslicht. Das erforderte aufwändige Recherche.

Offenbach - Es ist ein bedrückendes Kapitel in der jüngeren Geschichte der Evangelischen Kirche. Eins, das wie so vieles in der Zeit des Nationalsozialismus einfach weggeschwiegen wurde: Von Veronika Schade 

Nicht nur, dass die Kirche die Verfolgung ihrer getauften, vollwertigen Mitglieder jüdischer Herkunft duldete, sie beteiligte sich sogar daran. Die Ausstellung „Getauft, ausgestoßen – und vergessen? Evangelische Christen jüdischer Herkunft in Offenbach“ in der Stadtkirche blickt auf die Schicksale dieser Menschen. Im Jahr 1942 nahmen die oberen Gremien der Evangelischen Kirche völlig die NS-Rassenideologie an. Mitglieder jüdischer Herkunft wurden systematisch ausgeschlossen. „Durch die Taufe entsteht eine Verbindung zur Kirche, die nie vergeht. Was damals geschah, ist ein Verrat an der Taufe“, betont Volker Mahnkopp, Pfarrer der Frankfurter Maria-Magdalena-Gemeinde, der die Ausstellung von Anfang an betreute.

Vor zwei Jahren, anlässlich des 70. Jahrestags dieser Ereignisse, rief die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ein Erinnerungsprojekt ins Leben. Um dessen Ergebnisse nicht wieder in versteckten Archiven dem Vergessen anheim zu geben, entstand neben einer ausführlichen Buchpublikation die Idee zur Ausstellung. Ein Jahr lang zog sie als Wanderschau durch zwölf evangelische Kirchen in Frankfurt. „Wir hatten zunächst fünf Ausstellungstafeln“, erzählt Mahnkopp, „jede Gemeinde war angehalten, eigene Tafeln hinzuzufügen mit für sie relevantem Material.“ Am Ende waren es 19 Tafeln. Sie alle werden in Offenbach zu sehen sein – ergänzt um zwei Tafeln mit speziell Offenbacher Bezügen.

„Verschweigen und Vertuschen“

Ein Jahr lang recherchierten Dekanin Eva Reiß und Jörg Engelmann von der Evangelischen Erwachsenenbildung zu diesem Thema. Eine Aufgabe, die sich als schwieriger erwies als erwartet. Als Quelle standen gesammelte Ausgaben des „Offenbacher Evangelischen Kirchenblatts“ aus der NS-Zeit zur Verfügung. „Ihr Inhalt besteht im Grunde nur aus Ausflügen und Gemeindekreisen“, ist Reiß enttäuscht. „Ein großes Verschweigen, Nicht-Wahrnehmen-Wollen, Vertuschen. Selbst die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wird nicht erwähnt.“

Die Ausstellung ist vom 24. Januar bis 27. Februar in der Evangelischen Stadtkirche zu sehen. Geöffnet ist sie von Montag bis Freitag 12 bis 18 sowie Samstag von 11 bis 13 Uhr.

Engelmann und Reiß wühlten daraufhin in Chroniken, suchten im Buch zur Ausstellung nach Offenbacher Bezügen – und füllten schließlich ihre Tafel. Die zweite Tafel enthält Kurzbiografien betroffener Offenbacher. Simon Pascalis, Pfarrer der Paul-Gerhardt-Gemeinde, hat wesentlich zur Recherche beigetragen. „Die Ausstellung ist damit noch lange nicht fertig“, weiß Engelmann. Die Organisatoren hoffen, dass der eine oder andere Besucher dazu beitragen kann, mehr Licht ins Dunkel zu bringen. „Vielleicht erkennt jemand Menschen aus Familie oder Bekanntenkreis, setzt sich weiter mit dem Thema auseinander, trägt so zur Erweiterung der Ausstellung bei“, hofft Mahnkopp. Er sprach im Zuge der Schau mit vielen Angehörigen, manche brachen erstmals ihr Schweigen. „Es war sehr bewegend.“

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Die Stadtkirche ist als Ausstellungsort kein Zufall. „Es ist nicht nur ihre gut erreichbare Lage: Die Kirche steht auf einem Grundstück, das 1739 einem jüdischen Metzger enteignet wurde“, erklärt Reiß. Zudem stammen einige Orgelregister aus der ehemaligen Synagoge. „Es ist ein Erbe, das wir uns bewusst machen müssen.“ Der Abschluss am 27. Februar rückt daher die Orgel in den Mittelpunkt. Bis dahin erwartet Interessenten ein abwechslungsreiches Begleitprogramm.

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