„Mein Dein Unser Offenbach“

„Ich hör’ nur ausländisch“

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Was genau bedeutet Zuwanderung für Offenbach? Die Ausstellung „Mein Dein Unser Offenbach“ lässt Menschen zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle berichten.

Offenbach - Was genau bedeutet Zuwanderung für Offenbach? Die Ausstellung „Mein Dein Unser Offenbach“ lässt Menschen zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle berichten. Von Veronika Szeherova

Was hat eine Kartoffel mit Integration zu tun? Für Vicente Such-Garcia ganz viel. „Es war das erste deutsche Wort, das ich gelernt habe“, schmunzelt das „Gastarbeiterkind“ mit spanischen Wurzeln.

Heute beschäftigt er sich als Historiker mit lokaler Geschichte wie etwa den Animositäten zwischen Offenbach und Frankfurt. Die Kartoffel ist für ihn nach wie vor Sinnbild für seine eigene Zuwanderergeschichte – und empfängt bald Besucher zur Ausstellung „Mein Dein Unser Offenbach“ im Haus der Stadtgeschichte (Herrnstraße 61).

Es geht um persönliche Erfahrungen

Die Schau verspricht eine „Bestandsaufnahme zur modernen Zuwanderung nach Offenbach“. Was in der Theorie trocken klingt, erweist sich als quicklebendig und aktuell. Es geht um persönliche Erfahrungen, Erwartungen, Gefühle – und eine Stadt, die seit dem ersten Anwerbeabkommen 1955 in stetigem Wandel ist.

In zweijähriger Arbeit befragten Projektmitarbeiter 49 Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, die in Offenbach leben oder arbeiten. Darunter findet sich die italienische Marktfrau ebenso wie der türkische Kaufmann oder der Oberbürgermeister. Die Interviews waren Bestandteil des Projekts „Modellregion Integration“, das vom Hessischen Ministerium der Justiz, für Integration und Europa gefördert wird.

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Durchgreifen und beraten

„Die Menschen sprachen sehr reflektiert über ihre Erfahrungen“, lobt die städtische Programmkoordinatorin Ana-Violeta Sacaliuc. Ziel ist, die Identifikation der Einwohner mit ihrer Stadt zu stärken. „In Offenbach herrscht eine hohe Fluktuation“, weiß Sacaliuc. Die Erkenntnisse aus den Interviews bilden die Grundlage für die Schau, die von den Brüdern Oliver und Nicolas Kremershof kuratiert wird.

An zwei Wänden finden sich Zitate aus Interviews, unterteilt nach den Aspekten Herkunft, Hoffnung, Mobilität, Ankunft, Sehnsucht und Identität. „Dass ich sterbe und nochmal in Offenbach geboren werde“, hofft Bäcker Ali. „Ich wollte meine Kinder hier aufwachsen sehen, arbeiten, leben und es mir gut gehen lassen“, schildert die pädagogische Assistentin Jaci ihre Erwartungen bei der Ankunft. „Wenn ich nach Offenbach komm’, seh ich nur Ausländer, ich hör’ nur ausländisch“, lässt die Ausstellung Platz auch für Stimmen wie diese anonyme Aussage.

Mit gleichen Geschichten verbunden

Neben Such-Garcias sinnbildlicher Kartoffel finden sich weitere persönliche Gegenstände, die mit kleinen Geschichten verbunden sind. So stellt etwa die Iranerin Narges Yelaghi ihr selbstgemachtes „Bilderbuch“ aus, ein Heft, in das sie aus Werbekatalogen und Supermarktprospekten ausgeschnittene Bilder samt Beschreibung und Preis klebte, um Deutsch zu lernen – von Banane bis Gartenzwerg.

Vier Offenbacher Museen stellten Exponate zur Verfügung, die mit Einwanderung zu tun haben. So wartet das Kickers-Fan-Museum mit Originaltrikots legendärer Spieler wie Cesar Thier, Suat Türker, Robert Wulnikowski und Michael Kutzop auf. Der Pole kam 1979 zum OFC und war somit einer der ersten Offenbacher Profis mit Migrationshintergrund.

Interaktion mit den Besuchern ist den Ausstellungsmachern wichtig. Besucher können auf leere Blätter ihre eigenen Gedanken zu den sechs zentralen Aspekten aufschreiben. Oder auf eine Zeitleiste von 1913 bis 2012 eintragen, wann sie selbst nach Offenbach gekommen sind. „Wo fühle ich mich zuhause?“ steht als Frage über einer Weltkarte, die derzeit noch grau ist und von den Besuchern freigerubbelt werden soll. So bekommen die Blätter nach und nach Inhalte, die Ausstellung mehr Farbe, sie entwickelt sich weiter.

Vor der Wand mit Porträts der Fotografin Lena Grimm wartet ein interaktives Element: Eine Kamera filmt, wie Besucher sich die Hand reichen. „Dann passiert etwas Wunderbares“, verspricht Kurator Nicolas Kremershof.

Außerdem gibt es an sieben Terminen Programm. Das beginnt am Sonntag um 15 Uhr mit der Ausstellungseröffnung durch Stadtrat Felix Schwenke und Justizminister Jörg-Uwe Hahn und mit einer kulinarischen „Offenbacher Platte“.

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