Ein Fingerabdruck verändert alles

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Das Zusammenspiel von Material und Struktur sollten die Studenten darstellen. Besonders eindrücklich zeigt dies die Arbeit von Teresa Mendler: Sie hatte eine bläulich strahlende Flüssigkeit zwischen zwei transparenten Kunststoffplatten gelegt. Durch Fingerabdruck kommt es zur Luftverdrängung und dadurch zu neuen Strukturen der feuchten Masse.

Offenbach - Der Ausstellungstitel der neunten „goût“ im Sheraton Hotel, „Transmateria“, verweist auf das Spannungsfeld zwischen dem Material als Grundstoff und der Struktur als Ergebnis schöpferischer Gestaltung. Von Claus Wolfschlag

Kuratiert von Professor Markus Holzbach sollten die HfG-Studenten mit unterschiedlichsten Materialien eine spezifische visuelle Ästhetik erzeugen, die einem Hotelfoyer als Zierde dient. Gelungenes Beispiel ist ein in eine Sitznische gehängter Schaukasten, der neu entwickelte Nudelformen zeigt. Sechsecke, Fächerstrukturen und Rundkörper begegnen dem Betrachter in dieser Gruppenarbeit von Studenten des zweiten Semesters. Eine andere Gruppenarbeit mit dem Namen „Pars Pro Toto“ präsentiert zahlreiche gegossene abstrakte Gegenstände aus UHPC-Beton, einem Hightech-Material, in kleinen Wandrahmen. Ein Objekt von Shaghayegh Puid etwa wurde geschickt in eine Reihe von Zeichnungen mit Radiolarien, einzelligen Lebewesen, eingefügt. Kaum unterscheidbar ist Puids Arbeit von den Abbildungen, die aus Ernst Haeckels Buch „Kunstformen der Natur“ von 1904 entnommen wurden.

Besonders interessierten sich die Besucher der Vernissage am Mittwochabend für die interaktiven Arbeiten. Lilian Dedios Klanginstallation „Sound Textil“ hatte es allerdings nicht leicht, angesichts von Live-Band, Ansprachen und regem Publikumsverkehr gegen die Lärmkulisse anzukämpfen. Metallleitfäden sind hier in ein Textilgewebe eingearbeitet. Mittels Magnetismus werden in den Stoff eingearbeitete Metallrundlinge einzeln in Schwingung versetzt. Die einem Vorhang ähnliche Textilfläche dient als Membran für die entstehenden Schallwellen, so dass der Nutzer deutliche Vibrationen und leise Töne wahrnimmt, wenn er den Magnet über den Stoff gleiten lässt. „Eine schöne Spielerei“, urteilte eine Besucherin. Und eine andere fragte: „Zieht mir das die Ohrringe raus, wenn ich den Kopf nah ranhalte?“

Reagiert Dedios Arbeit auf Magnetismus mit Klängen, so visualisiert die Gruppenarbeit „Soundwaves“ Töne in Bilder. Hierbei wird der Geräuschpegel im Inneren des Raumes durch eine Struktur aus zahlreichen Stäben als sich stets änderndes abstraktes Bild wiedergegeben. Die auf einem Monitor zu sehenden Stäbe richten sich nach den jeweiligen Geräuschquellen aus, so dass Formationen entstehen, die ein wenig an ein Kornfeld erinnern, durch das der Wind fegt.

Besucher empfanden die Betrachtung der visualisierten Töne als sehr beruhigend. Ganz anders bei Anna-Michele Hamanns Gebilde „Dynamik Surface“, das Eisschollen ähnelt, die auf dem Wasser treiben. Miteinander verbundene dreieckige Holzstücke sind auf einen nachgebenden Untergrund montiert, so dass sich die Struktur bei Berührungen eindrückt. Hamann verbindet so Holz mit dem Verhalten von Textilien. Sehr zur Verunsicherung einiger Besucher: „Da hat man ja Angst hinzufassen.“ Weniger ängstlich zeigten sich die Besucher bei Teresa Mendlers ähnlich angelegter Arbeit. Sie hatte eine bläulich strahlende Flüssigkeit zwischen zwei transparenten Kunststoffplatten gelegt. Durch Fingerdruck kommt es dabei stets zur Luftverdrängung und dadurch bedingt zu neuen Formstrukturen der feuchten Masse.

Auf die Bedeutung der „goût“ wies HfG-Präsident Bernd Kracke in seiner Grußansprache hin. Er erinnerte an Arbeiten, die als Relikte früherer Ausstellungen im Sheraton Hotel verblieben sind, etwa das symbolische Schwimmbecken im Untergeschoss als Hinweis auf die Geschichte des Gebäudes. Für den Studenten Johannes Wöhrlin ist es die erste große Ausstellung. In „Parametric Skin“ schuf er eine am Computer entwickelte dreidimensionale Struktur aus Leder. Die Arbeit entstand in Kooperation mit den Firmen Hyundai, BASF und dem Lederwarenproduzenten Jacobs aus Rödermark. Wöhrlin freut sich auf neue Kontakte, die er durch die „goût“ zu knüpfen hofft.

Ähnlich bewertete dies Sophia Polywka, der man schon an ihren blauen Haaren die Liebe zu Farbe und Licht ansah. Für die Deckenlampe „Lichttextil“ hat sie in einem speziellen Gewebe Lichtleitfasern eingearbeitet, die an LEDs angeschlossen sind. Das Licht wird zu den Gewebekanten geleitet, wechselt dort weich und im fließenden Rhythmus die Farbe. Man fühlt sich an Naturphänomene erinnert – Korallen, Pilzlamellen oder Nordlichter. „Es ist eine Ehre, seine Diplomarbeit bei der ,goût’ zeigen zu können“, urteilte Polywka. „Hier wird sie gesehen. Somit verschwindet die Arbeit nach dem Diplom nicht in einer Ecke, sondern findet Zugang zu vielen Menschen.“

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