Auswanderer  im Glück

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Vom Wiener Hof in Bieber auf kleinen Umwegen direkt unter den Hibiskus: Heidi und Jens Röver.

Offenbach - Jens und Heidi Röver zählen zu jenen, die ihr Glück vorzugsweise im Ausland suchen. Die Offenbacher fanden es in Portugal. Es fehlt allein am Ebbelwoi... Da heißt es: „Auf und davon.“ Oder nur: „Goodbye Deutschland.“ Der Privatsender Vox hat einen Trend in passende Fernsehformate gepresst. Von Martin Kuhn

Im Jahr 2006 registrierte das Statistische Bundesamt 155 300 Fortzüge deutscher Staatsangehöriger; es war die höchste Zahl deutscher Auswanderer seit 1954. Die beliebtesten Zielländer: Schweiz (12 Prozent, Vereinigte Staaten (9 Prozent). Irgendwann tauchen in dieser anonymen Statistik auch Heidi und Jens Röver auf. Aus Bieber zog es sie in den Süden Portugal. Das war vor einem Jahr, Zeit für eine kleine Zwischenbilanz der Auswanderer.

Die Österreicherin Heidi und der Hesse Jens lernten sich 1994 kennen und lieben. Zwei Jahre später übernahmen sie in Bieber ein Lokal, das sie nach ihren Vorstellungen umformten. Unter ihrer Regie wandelte sich der „Wiener Hof“ zu einem beliebten Restaurant und vielschichtigen Kultursaal. Rock, Jazz und Kabarett fanden eine in Offenbach lange vermisste Heim- und Spielstätte. Und wenn er nicht gerade am Programm für die Wintermonate feilte, servierte Jens Sauer- und Süßgespritzten im Sommergarten.

Aber zwischen gebackenem Hirtenkäse und Apfel-Pfannkuchen gab’s noch mehr. Bereits seit 2003 beschäftigten sich die beiden „sehr intensiv“ (so Röver) mit ihren neuen Plänen: Ein Leben in Portugal. Sehr zum Leidwesen der regelmäßigen Gäste wurden Heidi und Jens tatsächlich fündig. Vor drei Jahren erwarben sie ein Grundstück an der Ost-Algarve, auf dem die Träume wahr werden sollten. Wer’s etwas genauer möchte: Es ist ein locker besiedeltes Tal unweit der Stadt Olhão, die direkt an der Ria Formosa liegt.

Dort ist allerdings nicht alles so gelaufen, wie es sich die Familie Röver vorgestellt hat: „Mit sehr vielen Höhen und Tiefen.“ Es gab - auch wenn man gerade in Deutschland von einem Bürokratenstaat spricht - vor allem Probleme mit den südländischen Behörden. Eine oft erwartete Lockerheit fernab der deutschen Grenzen können sie jedenfalls nicht bestätigen; der Traum von kleinen Landhotel ist ausgeträumt. Aber der Reihe nach:

Nach Auflösung des Haushalts inklusive Flohmarkt, großem Packen und 2600 Kilometer Fahrt kommen die beiden am 15. Mai des vergangenen Jahres auf dem „verwahrlosten“ Grundstück an. Für die ersten vier Monate quartieren sich die beiden auf einem nahe gelegenen Campingplatz ein. Doch es ist keineswegs Urlaub pur angesagt: Anfang Juni nehmen sie einen Job bei einem deutschsprachigen Magazin an, „der uns nicht glücklich macht und bereits nach drei Wochen von uns beendet wird“.

Selbst gebautes Holzhaus missfällt den Behörden

Über den Sommer bauen sich die Offenbacher selbst ein kleines Holzhaus, pflanzen Hecken und Obstbäume und genießen am Wochenende die nahen Strände und lernen in einem Kurs eifrig und erfolgreich des Landessprache. Nach dem Umzug aufs Grundstück im Oktober rufen sie eine Internetseite ins Leben. Sie vermitteln fortan Unterkünfte und einiges mehr. Einige Monate später nehmen Rövers speziell für deutschsprachige Gäste die Adresse http://www.ostalgarve.com hinzu und erreichen schon bald mit dem Suchbegriff „Ostalgarve“ bei Google die Position 1.

Seit der Ankunft kümmerten sich die beiden um Baugenehmigungen für ihre Casas. Doch obwohl es das Finanzamt akzeptierte, erkannte das Bauamt die Teilung der Häuser nicht an. In diesem März wird aber klar, dass das 27-Quadratemter-Holzhaus bis September zu entfernen ist. „Nach kurzem Frust und Ärger ergreifen wir die einzige Chance, die uns noch bleibt, sagen dem einst geplanten Hotelprojekt auf unserem Grundstück ,Adeus’ und beschließen eigenhändig und ohne Kredite, zunächst einen Teil unseres alten Hauses für uns zu renovieren“, erzählt Jens Röver.

Am Jahrestag der Ankunft sitzen die beiden auf der Panorama-Terrasse eines Restaurants. Über die Hügel blickend, sinnieren sie über das erste vollendete Portugal-Jahr, genießen „Javali“ (Wildschwein) und „Borrego“ (Lamm) nach traditioneller Art. Die Zukunftspläne sind mittlerweile etwas kleiner - nach dem Umzug ins renovierte Haus soll der Internet-Auftritt erweitert werden. „Sie soll weiterhin den Hauptteil unserer Existenz sichern.“ Parallel dazu restauriert das Paar den restlichen Teil des Gebäudes, um zwei Ferienapartments anbieten zu können.

Und die ganz persönliche Bilanz? Natürlich müsse man auf einige lieb gewonnene Spezialitäten verzichten - etwa den hessischen Apfelwein. „Stattdessen gibt es halt spritzige Weine und täglich frischen Fisch - damit können wir gut leben.“ Den Schritt nach Portugal bereuen sie nicht. Jens Röver: „Kämpfen muss man ja überall, und in den Schoß ist uns ohnehin noch nie etwas gefallen. Ob es im Endeffekt aufgeht, wird die Zukunft zeigen - wir sind optimistisch.“

Das Privatfernsehen nimmt bekanntlich auch die aufs Korn, die ihr Glück nicht fanden. Die Dokumentation „Die Rückwanderer“ erzählt davon, dass das Leben in der Fremde oft härter ist als zu Hause. Niedrige Gehälter, marodes Sozialsystem und das bittere Gefühl, nicht wirklich willkommen zu sein. Heidi und Jens gehören augenscheinlich nicht dazu.

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