Automobile Zukunft im Extremtest

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Die wohl spektakulärste Einrichtung des VDE-Instituts ist die große Absorbierhalle. In ihr können unter Bedingungen wie auf freiem Feld die Störaussendungen von Geräten gemessen oder Produkte mit Hochfrequenz bestrahlt werden. Das VDE-Institut wurde 1920 in Berlin gegründet. 30 Jahre später zog es nach Frankfurt um, seit 1968 ist es in der Merianstraße in Offenbach beheimatet und gibt dort 450 Mitarbeitern einen Arbeitsplatz. Rund 200 000 verschiedene Geräte aus 50 Ländern tragen VDE-Prüfzeichen und unterliegen damit der ständigen Produktüberwachung. In seiner Verbandsarbeit zählt der VDE insgesamt 35 000 Mitglieder.

Offenbach ‐ Zwei graue Container in der Ecke eines Firmenparkplatzes an der Merianstraße. Der Ort, an dem die Zukunft der Autoindustrie getestet wird, könnte unauffälliger nicht sein. Von Matthias Dahmer

Es ist das Batterie-Labor des Offenbacher Prüfinstituts des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE). In dem Labor steht das auf dem Prüfstand, woran Autobauer derzeit fieberhaft tüfteln. „Wir testen unter Extrembedingungen Lithium-Ionen-Batterien, wie sie etwa in Hybrid-Fahrzeugen verwendet werden,“ sagt Produktgruppenleiter Werner Menger und deutet auf einen rechteckigen Kasten, der gut die Hälfte des linken Containers füllt.

Die neuen Energiespeicher werden in dem vom Bund geförderten und deutschlandweit einzigartigen Projekt unzählige Male ent- und wieder aufgeladen, werden Sahara-Hitze und arktischer Kälte ausgesetzt, alles gesteuert vom Computer nebenan.

450 Mitarbeiter nehmen so ziemlich alles unter die Lupe

Um welche Hersteller es sich handelt, wer die Auftraggeber sind, ist beim VDE Diskretionssache, sagt Dr. Thomas Seitz zu Beginn des Besuchs. Wir sitzen im Büro des stellvertretenden Leiters des Bereichs der sogenannten Gebrauchstauglichkeitsprüfungen. Er erklärt, was in den Gebäuden am Rande des Buchraingebiets alles gemacht wird: 450 Mitarbeiter nehmen so ziemlich alles unter die Lupe, was uns an Elektronik im Alltag begegnet. Die „Kernkompetenz“ des Offenbacher Prüfinstituts, sagt Thomas Seitz, liegt bei den Haushaltsgeräten, der weißen Ware.

Aber auch Computer, Kfz-Elektronik, Medizintechnik, Werkzeuge und Spielsachen schauen sich die Tester genau an. Ihr Prüfsiegel ist selbst in Asien begehrt, gelten doch die deutschen Normen als die schärfsten der Welt. Richtig Werbung machen darf der VDE für seine Dienste nicht. Das hat er wohl auch nicht nötig. „Wir sind sehr bekannt, sind weltweit führend, was die Elektrotechnik angeht“, formuliert Thomas Seitz selbstbewusst und verweist auf die rund 100.000 Prüfungen im Jahr.

Sogar die Blickrichtung wird beobachtet und notiert

So ist es durchaus üblich dass etwa ein Bohrmaschinenhersteller aus Fernost sein Produkt vor der Markteinführung in Offenbach testen lässt. Dabei geht es nicht nur um die Sicherheit und Leistungsfähigkeit des Geräts, auch die Handhabung zählt.

Die wird unter möglichst realistischen Bedingungen im „Usability-Labor“ untersucht. Ausgewählte Otto Normalverbraucher bekommen die verpackte Ware vorgesetzt und müssen ganz wie daheim allein damit zurechtkommen.

Alles, sogar die Blickrichtung, wird von den VDElern vom Nebenraum aus beobachtet und notiert, erläutert Dr. Seitz beim Rundgang. Oft sind die jeweiligen Firmenvetreter mit dabei, können live mitverfolgen, wenn bei der Bedienungsanleitung der Frust steigt. „Die Unternehmen haben mittlerweile ein großes Interesse daran, dass die Produkte funktionieren. Das ist die Angst vorm strengen deutschen Verbraucher“, sagt Seitz. Selbst die Billigware beim Discounter geht nicht mehr ungeprüft über die Scanner-Kasse.

Waschmaschinen in der Warteschlange

Die Labore des Prüfinstituts erstrecken sich auf mehrere Gebäude rechts und links der Merianstraße. Stolz der Offenbacher ist das im Sommer 2008 einweihte, fünf Millionen Euro teure und in der Planung von Anwohnerunmut begleitete Testzentrum.

Silbrig glänzen dort die Türen. Waschmaschinen namhafter Hersteller stehen in der Warteschlange vor dem Akustiklabor. Drinnen läuft ein Gerät mit 1200 Umdrehungen im Schleudergang, kein Laut dringt nach außen, 36 Mikrofone, rund um eine Kamera gruppiert, zeichnen die Schallquellen auf.

Weiter geht es über Treppen und durch lange Gänge: Links und rechts werden Produkte auf Weichmacher untersucht, mit Salzwasser besprüht, gerüttelt und dauergetestet, eine Klimakammer für Kühlschränke ist im Aufbau, - das Prüfinstitut bietet schier unendlich Stoff für jeden Technik-Junkie. Allein die Eingangstür ist jetzt auf Winterbetrieb umgestellt, ist von Hand zu bedienen. Thomas Seitz muss sich erst wieder dran gewöhnen.

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