Automobiler Totenschein

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Das Fröhlich-Areal am Lämmerspieler Weg misst 17 000 Quadratmeter. Weil der Abwracker-Andrang momentan viermal größer ist als sonst, wird es trotzdem eng.

Offenbach - (mcr) In Anja Fröhlichs Branche ist brachialer Druck Bedingung für Erfolg. Dass die kraftvolle Schrottpresse der Autoverwertung Fröhlich auf dem weitläufigen Firmengelände am Lämmerspieler Weg mal schwächeln könnte - für die geschäftsführende Inhaberin seit jeher eine böse Vorstellung.

Allein: An anderer Stelle wären die Diplom-Kauffrau und ihr Team neuerdings durchaus dankbar für weniger massive Bedrängnis. Zwischen den unternehmerischen Risiken und den handfesten Nebenwirkungen der staatlichen Abwrackprämie sehen sie sich regelrecht zermalmt. Etwa viermal mehr Menschen als sonst wollen ihr Auto verschrotten lassen, stellt Anja Fröhlich fest. „Wir sind voll bis oben hin.“

Die Ursache zur Wirkung ist klar: Wer in der Abwrack-Ära ein Auto bestellt hat, muss im Tausch für 2 500 Euro Prämie die Verschrottung seiner mindestens neun Jahre alten Karosse nachweisen.

Doch so ein automobiler Totenschein ist nicht mehr so einfach zu haben wie früher. Denn auch große Autoverwerter wie die Firma Fröhlich müssen sich dem physikalischen Gesetz von der Verdrängung der Massen beugen. Bedeutet aktuell am Lämmerspieler Weg: Wo schon ein Auto steht, kann kein Auto mehr hingestellt werden. Und einfach in die Presse stecken und zu einem platzsparenden Würfel quetschen, das geht auch nicht. Autoverwerter müssen zum Untergang verdammte Fahrzeuge trockenlegen, also von jeglichen Flüssigkeiten befreien, selbige als teuren Sondermüll entsorgen und beispielsweise auch Glas und Reifen dem Verwertungskreislauf zuführen. Das kostet Geld, Zeit, Platz, personelle Kapazität. Schon mussten Abwracker unverrichteter Dinge weggeschickt werden, ganz zu schweigen von Autohändlern, die die handfesten Prämien-Formalitäten für ihre Kunden erledigen wollen.

Ein Irrglaube sei, sagt Fröhlich, „dass Autoverwerter sich jetzt eine goldene Nase verdienen. Das Gegenteil ist der Fall.“ Zum einen sei der Preis für Altmetall im tiefsten Keller, zum anderen zählten die Abwrack-Autos oft zu den letzten ihrer Modellreihen. Das sei das Ausschlachten sinnlos, weil es für die gebrauchten Ersatzteile keinen Markt mehr gebe. Und in die Prämie einen Entsorgungsbeitrag für die Verwerter einzubauen, habe der Gesetzgeber wohl vergessen.

Der Abwrack-Boom ist für uns nicht attraktiv“, erklärt Fröhlich. Und er könne auch längerfristig Schaden anrichten, weil es bald sehr viele Neuwagen gebe, die für Jahre keine Reparaturen brauchen. Das wiederum breche nicht nur ein Standbein von Autoverwertern, sondern auch von Reifenhändlern, Zulieferern und freien Werkstätten.

Und um nicht wenige Fahrzeuge tut es Anja Fröhlich auch schlicht leid. „Da werden Autos zwangsverschrottet, die die grüne Umweltplakette auf der Scheibe haben und mindestens noch drei, vier Jahre gefahren wären. Das macht das Wort Umweltprämie irrwitzig, weil es der Natur weniger schadet, ein Auto bis zum Ende zu fahren, als ein neues zu produzieren. Ich persönlich wäre froh gewesen, es hätte die Prämie nicht gegeben.“

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