Autorennen in den Tod

+
Bevor der Wagen in den frühen Morgenstunden des 8. Dezember 2008 im Main versinkt, durchbricht er diesen Bauzaun und reißt zwei Poller aus der Verankerung.

Offenbach ‐ Zeugenaussagen, die neue Erkenntnisse zum Tathergang liefern, und eine teilweise angespannte Atmosphäre prägen den zweiten Verhandlungstag im Prozess um den Tod von zwei 17-jährigen Mädchen, die Ende 2008 auf dem Rücksitz eines BMW-Geländewagens im Main ertranken. Von Matthias Dahmer

Sehen Sie hier das Video von der Suche nach dem versunkenen BMW

Auf der Anklagebank sitzt der 23 Jahre alte Okan Y. Der Frankfurter, der in der Nacht zum 8. Dezember den silberfarbenen X 5 steuerte, muss sich wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht verantworten. Er hatte sich am ersten Verhandlungstag wortkarg zum Geschehen unmittelbar vor dem Unfall auf dem Mainuferparkplatz gezeigt, berief sich auf Erinnerungslücken.

Eine Anwohnerin der Kaistraße, die in der Tatnacht nach einem Discobesuch auf Parkplatzsuche ihren Wagen mitten auf dem weitgehend verwaisten Areal am Main abgestellt hat, schildert dagegen im Zeugenstand, dass sich der Angeklagte gegen 3.30 Uhr auf dem Parkplatz vermutlich ein Rennen mit zwei Mercedes lieferte: Zum Eklat kommt es, nachdem die 27-Jährige den Zeugenstand verlassen hat. Ihr Lebensgefährte, der unter den Zuschauern sitzt, vernimmt, wie sich die Eltern des Angeklagten auf türkisch über die junge Frau lustig machen, sie der Lüge bezichtigen. Er gibt das zu Protokoll, die sichtlich angegriffene Zeugin sagt, sie könne nicht verstehen, dass der Angeklagte grinse, während die Eltern der toten Mädchen unter Tränen die Verhandlung verfolgten.

Es ist dieses völlige Fehlen jeglichen Schuldbewusstseins bei Okan Y., was Rechtsanwalt Alois Kovac erzürnt. Der Strafverteidiger vertritt die Mutter von Ambra, der 17-Jährigen aus Offenbach, die zusammen mit ihrer gleichaltrigen  Freundin Leandra aus Gießen im Main ums Leben kam. Am Rande der Verhandlung äußert Kovac seine Sicht der Dinge: Alles lasse darauf schließen, dass es mehr gewesen sei als ein unglücklicher Unfall.

"Jämmerlich ersaufen lassen"

Lesen Sie dazu auch

Prozess um Todesfahrt

Zeugen der Todesfahrt

Okan Y. habe die Mädchen nach dem missglückten Autorennen jämmerlich ersaufen lassen und im Gespräch mit den eintreffenden Polizeibeamten erst nach fünf Minuten erwähnt, dass sich die beiden noch im Wagen befänden. „Wenn er wenigstens seine Verantwortung zugeben würde. Dann könnten die Familien ihren Frieden mit ihm machen“, so Kovac. Er kündigt an, für Okan Y. zwei Jahre Gefängnis zu beantragen.

Zur mangelnden Einsicht des Angeklagten gesellt sich nach der Aussage des zweiten Zeugen die Erkenntnis: Die beiden Mädchen sind mehr als nur kurze, flüchtige Bekanntschaften, die am Frankfurter Hauptbahnhof aufgegabelt werden. Leandra aus Gießen ist seit mehreren Monaten Okans Freundin, bestätigt Matan G. Er selbst sei mit Ambra zusammen gewesen.

Nach der Schilderung von Matan G. ist man am Abend vor der Tat zu fünft unterwegs: die beiden Pärchen und ein Cousin von Okan Y. Es wird bei verschiedenen Stopps Alkohol getrunken und gekifft, auch die Mädchen hätten mitgemacht. Das widerlegen indes die Gutachten, wie Anwalt Kovac in der Pause berichtet. Bei beiden seien nur ganz geringe Mengen der Drogen im Blut gefunden worden.

Auch der Angeklagte hält sich wohl mit Rauschmitteln zurück. Nur Matan G. konsumiert ausgiebig an dem Abend. So viel, dass er kurz nach Mitternacht beim Zigarettenholen randaliert, von der Polizei aufgegriffen und nach Hause geschickt wird. Sonst hätte er vermutlich auch in dem BMW gesessen, der Stunden später für zwei Mädchen zur tödlichen Falle wird (der Prozess wird fortgesetzt).

Kommentare