Autos übertönen Flugzeuge

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Mehr als 70 Dezibel werden bisweilen an der Ecke Sprendlinger Landstraße / Odenwaldring gemessen. Für die Bewohner wie Karl Friedrich Moller, dem das Eckhaus gehört, eine hohe Belastung.

Offenbach ‐  Über Fluglärm kann Karl Friedrich Moller nur müde lächeln. Die Jets am Himmel hört er gar nicht. Das liegt nicht daran, dass sich der 76-Jährige die Ohren zuhält oder die Flucht in den Keller antritt. Nein, der Lärm von oben dringt nicht zu ihm durch, wird schlichtweg vom Lärm nebenan übertönt. Von Jörn Polzin

Von Autos, die an seiner Villa an der Kreuzung Sprendlinger Landstraße/ Taunusring vorbei rasen und die Lärmschwelle deutlich überschreiten. „Vor allem in den Stoßzeiten und wenn Einsatzfahrzeuge Richtung Autobahn unterwegs sind, ist es schlimm“, klagt Moller. Dann erreicht der Geräuschpegel schon mal Werte jenseits der 70 Dezibel.

Die Experten sprechen in einem solchen Fall beschönigend von einem „Lärmkonflikt“. 100 davon gibt es laut Lärmaktionsplan des Regierungspräsidiums Darmstadt in Südhessen. In Offenbach sind es elf „Brennpunkte“. Besonders betroffen sind die Bewohner an der südlichen Ringstraße, der Unteren Grenzstraße, Goethering und Kaiserstraße. Im Vergleich der Kommunen steht Offenbach mit 2500 „Lärmgeschädigten“ schlecht da.

Behörden für Vorschläge nicht offen

Einer der „Dauergeschädigten“ ist Karl Friedrich Moller. Seit gut 20 Jahren befindet er sich nun im Clinch mit den städtischen Ämtern. Das ging so weit, dass der Offenbacher die Stadt wegen Wertminderung seines Grundstücks verklagte. „Ich habe damals eine Entschädigung erhalten. Der Vergleich ist aber hinfällig, seit dem die Sprendlinger Landstraße zur Landesstraße geworden ist und andere Lärmgrenzwerte gelten“, erzählt er.

Die Hessische Lärmaktionsplanung für den Straßenverkehr

Enttäuscht ist Moller vor allem darüber, dass die Behörden für Vorschläge, wie einer (unrealistischen) Umgehungsstraße über den Wiener Ring hin zur Sprendlinger Landstraße, nicht offen sind. „Da heißt es nur, wenn andere belastet werden, lohnt sich eine Änderung nicht.“ Aber: „Der Weg bleibt das Ziel.“

Wie dieser aussehen soll, weiß Moller noch nicht. An Schutzmaßnahmen mangele es nicht. „Nachtfahrverbot, Temporeduzierung, Flüsterasphalt“, zählt der 76-Jährige auf. Fest steht für ihn: „Weitere zehn Jahre werde ich mich sicher nicht mehr mit dieser Angelegenheit rumärgern.“ Dass die Sprendlinger Landstraße als „Brennpunkt“ in den 335 Seiten umfassenden Lärmaktionsplan aufgenommen wurde, wertet Moller als kleinen Erfolg.

Autofahrer strikt gegen Tempo 30

Grund zur Hoffnung hat der Offenbacher nur bedingt. Der Magistrat hat bereits gegen die im Aktionsplan vorgeschlagene Temporeduzierung auf 30 Stundenkilometer Bedenken geäußert. „Das ist immer eine heikle Sache. Die Bewohner setzen sich dafür ein, die Autofahrer sind strikt dagegen“, sagt Bürgermeisterin Birgit Simon. Die Häufung von „Lärmkonflikten“ in Offenbach überrasche sie angesichts des hohen Verkehrsaufkommens nicht.

Lieber heute als morgen würde Simon mit einer Vielzahl von Maßnahmen beginnen. „Aber das kostet nun mal alles Geld und muss sorgfältig abgewägt werden“, sagt die Bürgermeisterin. Viel verspricht sich Simon vom Luftreinhalte- und Lärmminderungskonzept, das Kräfte bündeln soll.

Darin enthalten ist ein Lkw-Fahrverbot in der Mainstraße, das als nächster Schritt umgesetzt werden soll. Zudem ist geplant, die Geschwindigkeit bei Nacht auf 30 Stundenkilometer zu senken. „Lärm macht krank. Durch den Aktionsplan haben wir eine Grundlage, Ruhe einzufordern“, so Simon. Moller hätte es nicht besser formulieren können.

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