Bäume auf dem Wilhelmsplatz

Das gibt wieder Ärger

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Am Wilhelmsplatz fallen am Mittwochmorgen drei Kastanien. Als Ersatz werden Silberlinden gepflanzt. Das kostet pro Standort bis zu 10.000 Euro, da der Stadtdienstleister ESO unter anderem einen umfangreichen Bodenaustausch vornimmt.

Offenbach - Gutachter und Verwaltung können noch so sehr argumentieren und es auch bedauern. Fallen in der Stadt Bäume, folgt umgehend der Unmut. Und auf dem Wilhelmsplatz ist das schon vorher der Fall. Von Martin Kuhn

„Tolle Gutachter habt ihr da.“ Dabei macht die Betonung die Musik. Wie das Bruno Becker auf dem Wilhelmsplatz gestern den Experten entgegen wirft, ist es kaum als zustimmend zu interpretieren. Und der Anlieger poltert weiter: „Die sind doch weltfremd!“ Seine Sicht der Dinge: Die den Platz prägenden Kastanien stehen seit 100 Jahren dort und tun dies auch noch „die nächsten 50 Jahre“. Ganz anders sehen es Gutachter. Nach ihrem jüngsten Befund fallen am Mittwochmorgen drei Kastanien. An fünf weiteren entfernen Arbeiter sogenanntes Totholz und kürzen Kronen. Da ist Ärger programmiert.

Der Wilhelmplatz und seine Kastanien – ein sensibles, ja emotionales Thema. „Vielleicht hilft es, wenn wir sie umarmen“, sagt eine Kollegin. Klingt witzig, zeigt aber, wie sehr die Offenbacher an ihren Kastanien hängen, obwohl diese ihre besten Tage hinter sich haben. Auf die Frage, wie viele Bäume denn geschädigt sind, weichen die Amtsvertreter aus. Dann also anders herum: Wie viele sind denn noch gesund? „Eigentlich keiner“, bekundet Stadtplanerin Sigrid Pietzsch. Oje!

„Leicht positive Tendenz“

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Adé, geliebte Kastanien 

Dabei versucht die Verwaltung in der Vergangenheit einiges, um die Gesundung des Grüns herbeizuführen. Dazu zählen, nicht chronologisch aufgelistet: Der ESO verzichtet seit 2012 auf Salz, um Eis und Schnee auf dem Platz zu bekämpfen. „Wir räumen nur und streuen Splitt“, betont der technische Geschäftsführer Markus Patsch. Schutzbügel verhindern mittlerweile, dass Autos gegen die Bäume rollen. Spezielle Rohrsysteme im Boden versorgen die 32 Baumstandorte an den Längsseiten des Platzes mit Wasser.

Seit gut zwei Jahren testet der Stadtdienstleister zudem einen unterschiedlichen Bewässerungsrhythmus. Kurz: Die Kastanien auf der Ostseite werden doppelt so oft bewässert als auf der Westseite. Sigrid Pietzsch attestiert eine „leicht positive Tendenz“, die jedoch auf „keine signifikante Verbesserung“ schließen netzt. Um ganz sicher zu gehen, ist diese Testphase um ein weiteres Jahr verlängert worden.

Erhebliche Wunden

Die über Jahre vorangeschrittenen Faulstellen lassen keinen Aufschub zu, so die Fachleute.

Ähnlich umfangreich sind die Schädigungen, die an den Bäumen festgestellt sind. Ist die Rinde verletzt (dazu zählen auch Druckstellen etwa durch Autos), erfüllt sie nicht länger ihre schützende Funktion. Über solche Wunden dringen Bakterien, Sporen und Fäulnis erregende Pilze ein und richten verheerende Schäden an – von außen meist unsichtbar. Der Baum versucht zwar die Wunde selbst zu schließen; oft ist ein dauerhafter Schutz der Wunde aber nicht mehr gegeben. Bodo Stricker, ESO-Abteilungsleiter Service Öffentlicher Raum, betont: „Ist der Pilze außen zu sehen, ist es meist zu spät.“

Ein fachmännischer Blick entdeckt an einer der zu fällenden Kastanien weit mehr: Löcher, die auf Holzwürmer oder Holzwespen hinweisen. Für den Biologen Rolf Weyh ist es denn auch erstaunlich, dass überhaupt noch so viele Kastanien am Wilhelmsplatz stehen. „Sie tut sich an diesem Standort schwer.“ Laut Weyh benötigen Kastanien hohe Luftfeuchtigkeit, die Versiegelung am Platz sorge aber für einen Hitzestau.

Kastanien auf dem Wilhelmsplatz gefällt

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Es ist ein Grund, weshalb die „Arbeitsgruppe Baumschutz Wilhelmsplatz“, vor nahezu zwei Jahren auf Beschluss des Stadtparlaments eingerichtet, nun die Silberlinde als Ersatz favorisiert. „Mit ihrer charakteristischen Behaarung an der Blattunterseite verdunstet sie nicht so viel Wasser“, erklärt der Biologe. Die neuen Bäume haben einen Stammdurchmesser von 20 bis 25 Zentimeter und sind gut 4,50 Meter hoch. Bisschen mickrig? „Nein“, wehrt Rolf Weyh ab, „genau richtig.“ Er begründet: „Größere Bäume wachsen weniger gut an.“

Streit-Bäume in Offenbach gefällt

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Für ihn ist es selbstverständlich, dem Gutachter zu folgen, der dem zu fällenden Trio mangelnde Stand- und Bruchsicherheit bescheinigt: „Wir haben da eine hohe Verantwortung.“ Immer wieder komme es etwa durch Astbruch zu tödlichen Unfällen. In einem solchen Fall (Bieberer Straße) sei vor Jahren ein ESO-Mitarbeiter in erster Instanz zu einer mehrmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden.

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