Bagger besiegeln endgültiges Aus

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Das ist die Luft raus: Die Lagerhallen sind längst geräumt. Jetzt wird Platz gemacht für eine neue Bebauung, von der sich Oberbürgermeister Horst Schneider Signalwirkung erhofft.

Offenbach - Der Wandel von der Industriestadt zum Dienstleistungszentrum ist schleichend vorangegangen. Das ist nicht allein an Beschäftigungs-Statistiken abzulesen. Auffälliger sind die baulichen Veränderungen. Von Martin Kuhn

In diesem Jahr sind es zwei größere Projekte, die umgesetzt werden: Auf dem Areal des ehemaligen Pelzveredelungsbetriebs Thorer & Co. (Mühlheimer Straße) entsteht ein Baumarkt samt Gartencenter; das Gelände der stillgelegten Kaiser-Friedrich-Quelle (Ludwigstraße) wird derzeit geräumt für ein Alten- und Pflegeheim.

Der Abriss der leeren Hallen und Gebäude im Westend besiegelt das letzte Kapitel eines Stücks Lokalgeschichte. Den Status einer staatlich anerkannten Heilquelle hatte der Brunnen im Jahr 1936 erlangt. Aber schon länger, seit 1888, war das natrium- und lithiumhaltige Wasser aus dem Brunnen an der Ludwigstraße ein Produkt, mit dem sich Offenbacher Identität verband. Mit „Kaiser Friedrich“ und der Limonaden-Linie „Frischa“ stillten Generationen ihren Durst.

Dabei war das Mineralwasser eher ein Zufallsprodukt: Jahrelang hatte sich ganz Offenbach darüber amüsiert, dass der Maschinenfabrikant Adam Neubecker scheinbar erfolglos nach Wasser bohrte, um von der städtischen Versorgung unabhängig zu werden. Als er auch in 200 Meter Tiefe noch nicht fündig geworden war, soll er grimmig geschworen haben: „Ich bohre, bis ich den Kamerunern die Fußsohlen kitzele.“

Was bleibt, ist ein Haufen Schutt: Bagger und Radlader beseitigen an der Ludwigstraße die baulichen Reste einer lokalen Institution. Das einst hoch geschätzte Mineralwasser der Kaiser-Friedrich-Quelle wird seit 1996 nicht mehr in Offenbach abgefüllt.

Fündig wurde er auf einer Tiefe von 300 Metern. Doch was er dort antraf, war ein für seine Zwecke unbrauchbares Mineralwasser. Immerhin: Neubecker machte daraus ein Geschäft. Das Aus wurde eingeläutet, als die Quelle versalzte.
Nun erfährt ein großer Teil dieser Industriebrache wie viele anderer zuvor (Lavis, Rowenta) eine neue Nutzung. Auf dem Gelände baut die Lübecker HBB Hanseatische Gesellschaft für Seniorenheime mbH & Co. KG für zirka 20 Millionen Euro ein Alten- und Pflegeheim für 180 Bewohner.
Die Bauzeit ist mit 18 Monaten veranschlagt, eröffnet werden soll das Heim Anfang 2011. Betreiber der viergeschossigen Einrichtung, die sich architektonisch an der bestehenden Bebauung im Westend orientiert, ist die bei Hamburg ansässige Domicil Senioren-Residenzen GmbH.

Oberbürgermeister Horst Schneider erhofft sich eine Signalwirkung für attraktiven Wohnungsbau auf den angrenzenden Grundstücken. In dem Vorhaben der Lübecker sieht der Verwaltungschef „das Zusammenwachsen der 1a-Lage Westend mit der Innenstadt“.

 

Damit endet der Stadt-Umbau keineswegs. Das nächste Mammut-Projekt ist der ehemalige Hafen. Direkt am Fluss entsteht auf einer Fläche von 256 000 Quadratmetern ein neuer Stadtteil. Und im Osten Offenbachs ist ebenfalls reichlich Platz für neue Entwicklungen – der Industriepark der Allessa mit einer Fläche von 380 000 Quadratmetern. Der ist mittlerweile ausgedünnt: Im letzten verbliebenen Chemiewerk arbeiten 60 Menschen.

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