Baggerbiss mit viel Nostalgie

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Angeknabbert: Der Baggerbiss in die oberste Plattform des Sprungturms markierte den Beginn der Bauarbeiten fürs neue Sportzentrum Wiener Ring auf dem ehemaligen Tambourbad-Gelände.

Offenbach - Auch wenn der Blick nach vorne gerichtet war: Die Erinnerungen waren es, die gestern Nachmittag den Beginn der Bauarbeiten für das Sportzentrum Wiener Ring auf dem Gelände des ehemaligen Tambourbads prägten. Von Matthias Dahmer +++Video+++

Die Erinnerungen der geladenen Anwohner und ehemaligen Mitarbeiter des immerhin 27 Jahre existierenden Bades; die Erinnerungen der Fußballvereine, die nach Schließung des „Tambour“ dort mehr schlecht als recht ihr Domizil hatten. Selbst OB Horst Schneider konnte sich bei der kleinen Feier anlässlich des Baubeginns dem verklärenden Rückblick auf seine Jugendzeit, als er „am Schwimmbadzaun sein Lager mit Renate“ aufschlug, nicht entziehen.

Bilder der Abschiedsfeier vor dem Abriss

Baggerbiss in Tambour-Turm

Der Offenbacher Schauspieler Jörg Zick rief als „Bademeister“ auf amüsante Weise die Tambour-Zeiten ins Gedächtnis der mehr als 100 Gäste. Badeverbot gab's bei ihm fürs seitliche Einspringen ebenso wie für Arschbomben oder das Oben-ohne-Sonnen. Und Frankfurter wurden ohnehin abgewiesen, spannte Zick mühelos den Bogen zu den Fußballern und deren Publikum, speziell den Eintracht-Anhängern. „Ein Bus voller Eintracht-Fans unterscheidet sich von einem Staubsauger dadurch, dass im Staubsauger nur ein Drecksack drin ist“, war Zick der Applaus sicher.

Mehr als alle Worte markierte indes der gestern begonnene Abbruch des Sprungturms den Anbruch der neuen Zeit auf dem Tambourgelände. Als sich der Bagger in die Plattform des Zehners biss, hatten nicht nur die Profi-Fotografen ihre Kameras gezückt.

Ab März 2011 soll hier ein modernes Sportzentrum entstehen

Was nun dort entsteht, wo sich einst Wasserratten tummelten, erläuterte Daniela Matah von der Offenbacher Projektverwaltungsgesellschaft, die im Auftrag der Grundstückeigentümerin Sport- und Freizeit GmbH (beide sind Töchter der Stadtwerke Offenbach Holding) das Projekt unter ihren Fittichen hat: Zu den zwei schon existierenden Spielfeldern kommen vier neue hinzu, sodass vom März 2011 an den Sportlern insgesamt sechs Rasenplätze zur Verfügung stehen. Zwei davon sind Kunstrasenplätze, die jeweils mit einer Flutlichtanlage bestückt werden. Eines der Kunstrasenfelder, auf dem die Jugendmannschaften des OFC trainieren werden, soll schon in diesem Winter bespielbar sein. Weitere Nutzer des Sportzentrums sind die SG Wiking, der FC Bieber, die LGO und die Schulen.

Die Zufahrt zum neuen, fünf Millionen Euro teuren Sportzentrum erfolgt über den Wiener Ring, sie soll erst gegen Ende der Bauarbeiten freigegeben werden. Auf dem derzeitigen Parkplatz am Tambourweg entstehen die Umkleiden, in unmittelbarer Nachbarschaft wird ein neues Vereinsheim gebaut.

Fotos vom endgültigen Abriss des Sprungturms

Abriss des Tambourbad-Sprungturms

Mit den Resten des Sprungturms werden die Becken verfüllt; um Gefahren durch das aus der ehemaligen Mülldeponie immer noch schwach austretende Methan-Gas zu bannen wird das Areal mit einer 60 Zentimeter dicken Erdschicht bedeckt.

Bei dem Projekt handele es sich um eine „strategische Partnerschaft zwischen Profi- und Breitensport“, formulierte Horst Schneider. Ohne den OFC und dessen besondere Bedeutung, so der OB, hätte man das Vorhaben nicht finanzieren können. Die fünf Millionen fürs Sportzentrum habe man nur aufbringen können, weil Landesmittel für die Kickers geflossen seien.

Als „großen Tag für die Sportstadt Offenbach“ lobte Schneider den gestrigen Baubeginn. Und es sei für ihn eine Genugtuung, das Tambourgelände künftig nicht mehr nur als Hintergrund für einen tollen Krimi sehen zu müssen.

Zahlen und Fakten

Das Video der „Abschiedsfeier“ finden Sie hier

Bis 1919 übte auf dem Tambour-Gelände unter anderem eine Militärkapelle mit ihren Trommlern, den Tambouren, die dem Areal seinen Namen gaben. Das städtische Schwimmbad wurde am 3. Juni 1967 eröffnet. Es kostete 3,4 Millionen Mark. Ab 1972 sorgte eine Traglufthalle für die Wintertauglichkeit des Bades. Das „Tambour“ (48 000 qm Fläche) galt lange Zeit als eines der modernsten Bäder Hessens. Aufgrund aus dem Boden aufsteigender Gase der früheren Hausmülldeponie unter dem Gelände wurde das Bad im März 1994 geschlossen. Mit dem Namen „Sportzentrum Wiener Ring“ soll dokumentiert werden, dass eine neue Zeit angebrochen ist. Auf dem zwölf Hektar großen Areal baut die Stadtwerke-Tochter Sport- und Freizeit GmbH für fünf Millionen Euro ein Breitensportzentrum, das einschließlich der bereits bestehenden Fußballfelder über sechs Sportplätze verfügen wird. Es soll Mitte 2011 fertig sein.

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