Neues elektronisches Stellwerk

Die letzten Tage am Hebel

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Diese Hebel zum Umstellen von Signalen und Weichen wird Petra Stottmeister nicht mehr häufig betätigen. Am Wochenende geht ihr Dienst am Offenbacher Güterbahnhof zu Ende. Ab Montag arbeitet sie in Hanau.

Offenbach - Am kommenden Wochenende nimmt die Bahn das neue Elektronische Stellwerk (ESTW) nach 16 Monaten Bauzeit in Betrieb. Von Fabian El Cheikh

Die Modernisierung fordert ihre Opfer: Für Weichenwärterin Petra Stottmeister haben die letzten Tage im kleinen Stellwerkhäuschen am Güterbahnhof begonnen.

Die 57-jährige zählt zu einer aussterbenden Berufsgattung. Seit bald 40 Jahren sitzt sie sozusagen an den Hebeln der Macht, liegt es in ihren Händen, dass Personen- und Güterzüge reibungs- und vor allem gefahrlos das Stellwerk passieren. Fünf Jahre hat sie den Verkehr am Güterbahnhof geregelt, nun geht die lange Ära der mechanischen Weichenstellung zu Ende.

Umzug an den Hanauer Hauptbahnhof

Am Montag wechselt Stottmeister ihren Arbeitsplatz. An den Hanauer Hauptbahnhof, wo Signale und Weichen noch nicht vollelektronisch, sondern manuell, gestellt werden, wo die Modernisierung zumindest in einigen Bereichen noch auf sich warten lässt. „Ich wandere mit meinem Job“, sagt die gebürtige Magdeburgerin, die bei der DDR-Reichsbahn gelernt hat und nach dem Zusammenschluss mit der Deutschen Bahn als Weichenwärterin übernommen wurde. „Als Magdeburg auf das ESTW umgestellt hat, ist mir das Herz gebrochen“, erinnert sich Stottmeister, „alle Menschen, die ich kannte, waren fortan in ganz Deutschland verteilt.“

Auch sie musste ihre Heimatstadt verlassen, die schwangere Tochter und den damaligen Ehemann zurücklassen. „Was wäre die Alternative gewesen? In die Arbeitslosigkeit zu rutschen“, gibt sie sich selbst die Antwort. „Das wollte ich auf keinen Fall, man hat doch seine Kosten und seinen Lebensstandard, den man aufrecht erhalten will.“

Kaum noch mechanische Arbeitsplätze

Was mit dem alten Stellwerkhäuschen passieren wird, ist unklar.

Bereut hat sie ihren Umzug in den Westen, in die Großstadt Frankfurt, in der sie sich ohne ihren Kater Mickey anfangs völlig verloren gefühlt hätte, deshalb nicht. Auch wenn sie der Modernisierung immer davoneilen, sie auch im Zuge der Vollelektronisierung den Frankfurter Hauptbahnhof verlassen musste, dann das Stellwerk in Griesheim und nun Offenbach. Viele mechanische Arbeitsplätze gibt es nicht mehr bei der Bahn, doch die Jahre bis zur Rente will sie noch durchhalten. Trotz täglicher Zwölf-Stunden-Schichten, die ein 25-Jähriger besser wegsteckt. Petra Stottmeister schaut sich im relativ dunklen, kleinen Stellwerkhäuschen um. 1918 wurde es in Betrieb genommen und überstand den Krieg weitgehend unversehrt. Genauso alt ist auch die Technik, der die Bahn nun Lebewohl sagt. 28 Millionen Euro hat das Unternehmen in die neue Technik investiert.

Ab Montag steuern Fahrdienstleiter aus der Betriebszentrale in Frankfurt alle Weichen und Signale zwischen Mühlheim und Frankfurt-Süd auf der Bahnstrecke Hanau-Frankfurt und in Teilen des Güterbahnhofs Offenbach per Mausklick. 80 Mitarbeiter sind am Wochenende im Einsatz, um eine reibungslose Umschaltung von der alten auf die neue Signaltechnik zu gewährleisten.

„Die Arbeiten sind detailliert geplant“

„Die Arbeiten sind detailliert geplant“, sagt Bernd Häfner, Bezirksleiter der DB Netz, „um die 36 Stunden dauernde Vollsperrung der Strecke optimal nutzen zu können.“ In dieser Zeit wird die alte Anlage abgebaut und das neue Stellwerk Stück für Stück in Betrieb genommen. 80 alte Signale werden entfernt, 56 Weichenantriebe umgebaut sowie eine neue Weichenverbindung im Offenbacher Hauptbahnhof in Betrieb genommen. Zuvor wurden neben dem S-Bahn-Stellwerk in Offenbach-Ost ein Technikgebäude erstellt und entlang der Strecke 12 neue Signalausleger errichtet, 84 neue Lichtsignale montiert sowie 155  Kilometer Kabel verlegt.

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Dabei hat die Bahn auch alle Weichen mit einer Heizung ausgerüstet und Oberleitung, Bahnsteigbeleuchtung sowie Lautsprecheranlagen erneuert. Der Güterbahnhof erhält elektrische, ortsgestellte Weichen, die künftig durch das Zugpersonal bedient werden können. Das alte Drucktastenstellwerk im Hauptbahnhof aus dem Jahr 1956 und die drei mehr als 85 Jahre alten, noch mit Muskelkraft zu bedienenden Stellwerke im Güterbahnhof stellen ihren Betrieb ein. Nur Petra Stottmeister hat noch ein paar Jahre vor sich...

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